Buchcover mit Männerhand und Kinderschuh

Im Schatten eines Nachtfalters. Ein Archäologe auf den Spuren des Holocaust

2014 wurden die Fundamente der Gaskammern im Vernichtungslager Sobibor freigelegt. Für Ivar Schute war es der Schluss- und Höhepunkt einer jahrelangen Reise durch eine „Lagerlandschaft“. Während er Baracken, Massengräber und Gaskammern untersuchte, erhob sich eine Reihe von Fragen. Lesen Sie zwei Kapitel aus seinem Buch „Im Schatten eines Nachtfalters. Ein Archäologe auf den Spuren des Holocaust“ (Verlag Prometheus, Amsterdam 2020), übersetzt aus dem Niederländischen von Michaela Prinzinger.

Darf ein Archäologe in einem Vernichtungslager ausgraben? Ist das eine wissenschaftliche oder eine forensische Aufgabe? Was soll man mit den freigelegten Gräbern, Kellern und Fundamenten tun? Wem gehören die archäologischen Funde? Wie geht man mit Holocaust-Leugnern um?

Ivar Schute beantwortet diese Fragen anhand der Spuren, die er von den Niederlanden bis hin zu den einsamen Wäldern Ostpolens findet. Er zeigt, dass ein Archäologe einen anderen Blick auf den Holocaust hat. Seine Sichtweise ist in diesem Zusammenhang eher mit dem Prozess von Erinnerung und Gedenken verbunden als mit dem Liefern wissenschaftlicher Beweise.

„Im Schatten eines Nachtfalters“ ist eine sehr persönliche und eindringliche Suche nach den Spuren einer schmerzlichen Vergangenheit.

Kapitel 1

Die Lagerlandschaft

Am 1. März 2013 erschien in der New York Times ein Aufsehen erregender Artikel. Das US-amerikanische Holocaust Memorial Museum (USHMM) hatte alle von den Nazis errichteten Lager, Ghettos und Orte, in denen Juden Zwangsarbeit verrichten mussten, genau aufgelistet und war nach zehnjähriger Forschung bei der beeindruckenden Zahl 42.500 angekommen. Die meisten Übersichtskarten zeigen ein paar Dutzend, vielleicht auch ein paar hundert Lager. Aber tausende oder sogar zehntausende?

Im Zuge von Vorträgen frage ich meine niederländischen Zuhörer jedes Mal, wie viele durch das NS-Regime errichtete oder genutzte Lager sie kennen. Zumeist nennen sie drei oder vier Namen – Vught, Westerbork und Amersfoort, manchmal noch Ommen oder Schoorl. Aber in Wirklichkeit sind es mehr, viel mehr sogar, doch nur wenige Menschen haben je von ihnen gehört. Wem sind die Lager Molengoot, Stuifzand, Kremboong, Diever oder Ybenheer geläufig? Es ist erstaunlich, wie wenig darüber bekannt ist.

Auf der Übersichtskarte des USHMM fand ich elf niederländische Lager, und das war nur ein Bruchteil der Anlagen, die ich ein Jahr zuvor selbst recherchiert hatte. Nachdem ich in Westerbork eine Untersuchung durchgeführt hatte, bei der sich abzuzeichnen begann, dass eine kaum bekannte Infrastruktur von kleineren Lagern existierte, kam ich auf den Gedanken, sie detailliert aufzulisten. Aber was würde von den kleineren jüdischen Zwangsarbeiterlagern, die doch die Grundbausteine der „Endlösung“ waren, überhaupt noch übrig sein? Diese Frage hat meine Neugier geweckt.

Person mit Schubkarre in Ausgrabungsgelände
Ausgrabung der Fundamente von Baracke 56, Westerbork

Dabei stieß ich jedoch auf ein Problem. In meiner Naivität suchte ich zunächst nach einer Karte oder Liste, doch es schien keine Übersicht von Lagertypen und -sorten für die Niederlande zu geben. Ich fragte mich nach dem Grund. Und dann machte ich mich selbst an die Arbeit, führte eine Bestandsaufnahme aller Lager durch, kartografierte und publizierte sie. Es bot sich der bestürzende Anblick einer regelrechten Lagerlandschaft, einer Landschaft des Terrors.

Über die Anzahl der 65 von uns aufgenommenen Lager kann man diskutieren, auch über die zugrunde liegende Definition, was ein „Lager“ ist. Mittlerweile ist diese Zahl bereits wieder überholt, weil immer mehr ehemalige Lager wieder auftauchen. Wie es dazu kommt, dass Lager „wieder auftauchen“ können, ist eine interessante Frage, die erneut zeigt, dass es kaum Informationen über diese Lagerlandschaft gibt.

In den Niederlanden häufen sich die Lager in den Sand- und Moorgebieten von Brabant, Veluwe und Achterhoek, Overijssel und Drenthe. Zahlreiche Lager bestanden bereits vor dem Krieg und wurden als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Arbeitslose errichtet, die für einen kargen Lohn Sümpfe trockenlegten und Kartoffeln anbauten. Die Deutschen griffen während des Krieges häufig auf bereits vorhandene Lager zurück. Unseren Wissens haben sie faktisch nur ein einziges Lager neu errichtet, das Konzentrationslager Herzogenbusch, das man heutzutage unter dem Namen Vught kennt.

Ebenso verdient die Tatsache Aufmerksamkeit, dass wir gegenwärtig elf niederländische Lager leichthin Konzentrationslager nennen. Zu unrecht, denn das Wort „Konzentrationslager“ stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist keine deutsche Erfindung. Im deutschen Lagersystem der Niederlande war diese Bezeichnung korrekterweise allein Vught vorbehalten, das zudem das einzige tatsächliche KZ in den westlich von Deutschland gelegenen Ländern war. Selbst mir wurde erst nach und nach bewusst, wie ausgeklügelt das deutsche Lagersystem war, aber auch, mit welchem Nachdruck dieses System ab 1933 weiterentwickelt und ausgebaut wurde. Es gibt Geisel-, Prominenten- und Durchgangslager, Lager für politische Gefangene, für Rassenmischlinge und etliche andere mehr. In den Niederlanden existierten vor allem die jüdischen Arbeitslager und das KZ Vught mit seinen Außenlagern, d. h. einer Reihe angegliederter Arbeitslager. Und von all diesen Anlagen wissen wir so gut wie nichts.

Menschengruppe die Ausgrabungsgegenstände betrachten
Ivar Schute stellt Funde vor, Gedenkstätte Westerbork

Einmal hielt ein Historiker meiner Sichtweise entgegen: „Nein, das Phänomen ist nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden, es war nie Teil davon.“ Und damit hat er vermutlich recht. Man könnte es – kurz gesagt – so erklären: Man war für die Geschichten und Gefühle der Menschen, die aus dem Osten zurückkehrten, nicht aufgeschlossen. Das Land lag in Schutt und Asche und musste wieder aufgebaut werden. Gesprochen wurde darüber jedenfalls nicht viel, und in einer Atmosphäre von unterdrückter Scham über die Kollaboration der niederländischen Bürokratie mit den Deutschen hatte das jüdische Leid keinen Platz. Wie es aber kam, dass es kein Teil des kollektiven Gedächtnisses wurde, obwohl jeder von Judenverfolgungen und Gaskammern wusste, ist mir ein Rätsel. Schon durch diese Tatsache allein ist es doch kollektives Wissen geworden.

Die Erinnerungskultur in den Niederlanden richtete sich mehr auf den Widerstand und nach dem Krieg wurden die Lager dann auch rasch aufgelöst oder, wie es in Amersfoort, Vught oder Westerbork der Fall war, unter anderem für die Aufnahme von Molukkern genutzt.[1] In Westerbork wurde 1971 die letzte Baracke ohne große Sentimentalitäten abgerissen. Für die Wochenschau wurden davon ein paar Filmaufnahmen gemacht, den Arbeitern wurden ein paar kurze, kritische Fragen gestellt, während im Hintergrund die schweren Maschinen die letzten Reste niederwalzten.

2015 wird in Westerbork die Baracke 56 als erste wieder an den ursprünglichen Standort zurückversetzt. Sie war von einem Bauern in Zelhem erworben, abgebaut, an einem anderen Ort wieder aufgebaut und als Hühnerstall genutzt worden. Es ist schon ein gewaltiger Gedankensprung erforderlich, um zu erklären, warum in den 1970er-Jahren in Westerbork Baracken demontiert oder geschliffen und heutzutage keine Kosten und Mühen gescheut werden, um eine einzige – und die eigentlich nur zur Hälfte – wieder aufzubauen. Dennoch sollte es für jeden Leser ganz selbstverständlich sein, dass wir als Gemeinschaft sorgsam mit unserem geschichtlichen Erbe umgehen und dass es Erinnerungszentren und nationale Gedenkstätten in Lagern wie Westerbork oder Vught gibt.

Hütte im Wald
Heidelager, Westerbork

Der Auschwitzüberlebende Gerhart Durlacher beschrieb es in seinen Kriegserinnerungen „Streifen am Himmel“ so: „Nach unserer Heimkehr erwiesen wir uns als wortkarge Reisende. Es fehlte uns die Sprache für unsere Erlebnisse. Die abgenutzten Worte, die es gab, blieben uns im Halse stecken, denn kaum jemand wollte sie hören, geschweige denn verstehen. Sie hätten ja den Rausch der Befreiung vergällen und den Selbstbetrug vieler entlarven können.“[2]

In historischen Veröffentlichungen zu Lagern ist oft zu lesen, wann sie abgerissen wurden. Die Demontage eines Lagers klingt nach einem Ende, bildet jedoch gleichzeitig den Startschuss für die Arbeit des Archäologen. Als solcher lernt man, die Landschaft mit anderen Augen zu sehen. Jeder Archäologe kennt das Gefühl, mit Laien durch die Gegend zu fahren und immer wieder „Siehst du den kleinen Hügel da?“ auszurufen, obwohl kaum etwas zu erkennen ist. Für ihn ist es eine Flussdüne, auf der prähistorische Siedlungsspuren zu finden sind. Wo etwas verschwunden ist oder abgerissen wurde, beginnt die Arbeit der Archäologen. Sie lesen die Landschaft und ziehen das Bodenarchiv zurate. Aber wie steht es mit dem Bodenarchiv all dieser Lager? Ist noch etwas übrig von den Fundamenten der Baracken, von den Kellern, den Wasserleitungen, der Abfallgrube, von den Deckunggräben, dem Wassergraben oder dem Eingangstor? Sind Bodenspuren und Mauerwerk erhalten geblieben? Liegen da noch Objekte oder persönliche Gegenstände?

Ich wollte mir ein Bild davon machen, was von dieser Lagerlandschaft noch vorhanden ist und wie – sowohl in der Erinnerungskultur als auch bei der Erstellung von Richtlinien für die Denkmalpflege in diversen Behörden – mit den Spuren und Überresten umgegangen wird.

Mit diesen Fragen im Gepäck machte ich mich auf eine Reise, die mich schließlich bis nach Ostpolen führte.

Kapitel 26

Die Gaskammern

Mitten in einem Mischwald im Flusstal des Bug, wo man den schönsten Vogelstimmen lauschen könnte, liegen die Fundamente der Gaskammern des Vernichtungslagers Sobibor. Die Grundmauern aus Ziegeln und Naturstein lagen unter einer Sandschicht verborgen, aus der wir als erstes Zahngold gesiebt hatten. Entdeckt wurden sie – ich muss es leider zugeben – an einem Sabbat, den 6. September 2014.

Am 9. Oktober 1942 notierte Anne Frank:[3]

Liebe Kitty!

Nichts als traurige und deprimierende Nachrichten habe ich heute. Unsere jüdischen Bekannten werden gleich gruppenweise festgenommen. Die Gestapo geht nicht im geringsten zart mit diesen Menschen um. Sie werden im Viehwagen nach Westerbork gebracht, dem großen Judenlager in Drenthe. Miep hat von jemandem erzählt, der aus Westerbork geflohen ist. Es muss dort schrecklich sein. Die Menschen bekommen fast nichts zu essen, geschweige denn zu trinken. Sie haben nur eine Stunde pro Tag Wasser und ein Klo und ein Waschbecken für ein paar tausend Menschen. Schlafen tun sie alle durcheinander, Männer und Frauen, und die letzteren und Kinder bekommen oft die Haare abgeschoren. Fliehen ist fast unmöglich. Die Menschen sind gebrandmarkt durch ihre kahl geschorenen Köpfe und viele auch durch ihr jüdisches Aussehen.

Wenn es in Holland schon so schlimm ist, wie muss es dann erst in Polen sein? Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Gaskammern in Sobibor schon ein halbes Jahr in Betrieb.

Als das erste Fundament zum Vorschein kam, schob ich gerade eine volle Schubkarre vor mir her, während eine unserer Mitarbeiterinnen mit dem Spaten die einzelnen Schichten der Bodenspuren abtrug. Mir war – ganz wie Yoram, der neben mir stand – sofort klar, dass es die Grundmauern der Gaskammern sein mussten. Als weitere Backsteine auftauchten, wurde Yoram immer aufgeregter und schließlich war er nicht mehr zu halten: „Das ist der Kern des Lagers, danach haben wir acht Jahre lang gesucht!“ Ich weiß noch, dass mir in diesem Moment die Aufschrift „Vanilla Ice“ auf seinem T-Shirt auffiel. Nach wie vor schob ich die Schubkarre hin und her, da die polnischen Ausgrabungshelferinnen weiterarbeiteten, als wäre nichts geschehen. Erst langsam wurde uns allen die historische Reichweite der Entdeckung bewusst. Eigentlich ist uns erst nach der Ausgrabung so richtig klar geworden, was wir erreicht haben: Wir haben die Anlage, in der so viele Menschen ermordet wurden, freigelegt, vermessen und aufgezeichnet. Die Bankrotterklärung der Menschheit, an diesem Ort wird sie offensichtlich.

Der Fundort war keine große Überraschung. Wenn man alle verfügbaren Skizzen und Karten nebeneinander legt, die von Überlebenden, Anwohnern und Wachleuten gezeichnet wurden, fällt einem neben gewissen Abweichungen auch der Punkt auf, in dem sie alle übereinstimmen. Das Vernichtungslager Sobibor war ein Fließband des Todes: Die Opfer kamen am Bahnsteig an, mussten sämtliche Besitztümer abgeben und wurden nackt durch einen langen Gang – die Himmelfahrtsstraße – getrieben, an deren Ende sich angeblich die Duschen befanden. Nachdem in den vorangegangenen Ausgrabungsjahren deutlich geworden war, wo die Himmelfahrtsstraße verlief, konnten die Gaskammern eigentlich nur an einem einzigen Ort liegen, nämlich an ihrem Ende. Aber genau dort lag eine Asphaltdecke, auf der zwei Denkmäler standen.

2014 wurde die Genehmigung erteilt, die Asphaltdecke manuell zu entfernen; der Einsatz von Maschinen ist in Sobibor tabu. Es war ein hartes Stück Arbeit, das mit etwa zwanzig Mann in knapp einer Woche abgeschlossen werden konnte. Die polnische Besonderheit daran war, dass wir die Asphaltbrocken in Holzkarren zu umliegenden Sandwegen brachten, um damit die größten Löcher zu stopfen.

Archäologische Ausgrabung
Ausgrabung Sobibor 2017

Unter dem Asphalt befand sich eine Schuttschicht, die wir gleichfalls entfernten. Darunter trafen wir auf das erste Backsteingemäuer. Wir hielten die Neuigkeit circa eine Woche lang unter Verschluss, bis wir unserer Sache absolut sicher waren. Nachdem wir grünes Licht gegeben hatten, stand sie eine Viertelstunde später auf der Website von Yad Vashem, dem in Jerusalem befindlichen World Center for Holocaust Research, Documentation, Education and Commemoration. Noch am selben Tag ging dieser sensationelle Fund durch die Weltpresse.

Die Grundmauern waren in einem überraschend guten Zustand. Wenn man damals vor den Gebäuderesten stand, die heute wieder mit Sand bedeckt sind, konnte man die Umrisse eines Rechtecks mit niedrigen, aus der sandigen Erde ragenden Mauern deutlich erkennen. Die Gesamtoberfläche betrug circa 350 Quadratmeter. Das Gebäude maß 15,8 x 22,2 m und bestand aus zwei Teilen, der West- und der Ostseite, die durch einen drei Meter breiten Gang getrennt waren. Darin stand eine Reihe von Holzpfosten, die keine Tragebalken der Dachkonstruktion gewesen sein dürften und wahrscheinlich nur bis zum Fußboden reichten. In der ersten Ausbauphase der Anlage könnten sie auch eine andere Funktion gehabt haben. An der Vorderseite des Gebäudes lag ein 1,5 x 3 m kleiner Raum, der einerseits eine Fortsetzung der Himmelfahrtsstraße bildete, andererseits an den Korridor grenzte. Das muss eine Art Eingangsbereich gewesen sein. An der Rückseite des Gebäudes befand sich mit 3,5 x 5,05 m ein etwas größerer Raum. Darin haben vermutlich die Dieselmotoren gestanden, die Franz Hödl bediente und die das todbringende Kohlenmonoxid lieferten. Allein in diesem Raum konnten wir metallene Motorenbestandteile nachweisen. Der Westteil bestand aus vier 4 x 5,3 m großen Kammern, wovon die nördlichste etwas kleiner als die übrigen war, nämlich 3,4 x 4 m.

Vermutlich beschloss das NS-Regime im Verlauf des Jahres 1942, die Leistungskapazität der Gaskammern in den Lagern, die im Vorfeld der „Aktion Reinhardt“ errichtet worden waren, zu vergrößern. In Treblinka und wahrscheinlich auch in Bełzec wurde dafür an gesonderter Stelle ein neuer Gebäudekomplex gebaut. In Sobibor hingegen wurde der bereits bestehende Komplex erweitert, daher auch die Zweiteilung und die etwas unterschiedliche Bauweise von West- und Ostteil. Das ursprüngliche Gebäude bestand nur aus den westlichen Kammern. An der Ostseite wurden in der zweiten Ausbauphase ab Oktober 1942 noch vier weitere, diesmal gleich große Gaskammern mit den Maßen 6,8 x 5,1 m hinzugefügt. Es sind ganze Bücher über die Frage geschrieben worden, wie viele Gaskammern es in Sobibor gab und wie groß sie waren. Jetzt ist diese Frage gelöst, schlussendlich waren es acht Stück.

Fundamente einer Ausgrabung
Die Grundmauern der Gaskammern, Sobibor

Das unterschiedliche Baumaterial zwischen der Ost- und der Westseite des Gebäudes ist auffallend, dadurch setzt sich auch die erste Ausbauphase deutlich von der zweiten ab. Die Mauern an der Westseite bestehen aus Naturstein und Zement, diejenigen an der Ostseite aus Backsteinen, wovon maximal sieben Lagen erhalten geblieben sind. Auf jedem Ziegel steht der Name der Ziegelei als Herkunftsbezeichnung: Moszna, Julianow, Obory oder auch Abkürzungen wie „C“ und „A.W.“. Auf einem Backstein, den ich in Händen hielt, zeichneten sich seitlich vier kleine Dellen ab. Jemand hatte darauf seine Fingerabdrücke hinterlassen.

Von den Mauern an der Ostseite sind ungefähr vier Fünftel der Fundamente erhalten geblieben. An einer Stelle ist eine Zwischenwand – vermutlich der einzig erhaltene Teil des ebenerdigen Baus, den wir neben den Fundamenten finden konnten – teilweise nach innen eingestürzt. Wenn diese Backsteine erzählen könnten, was sie gesehen haben…

Von den Grundmauern der Westseite ist viel weniger, vielleicht nur ein Fünftel erhalten. Durch die Errichtung eines Denkmals im Jahr 1965 wurden die Fundamente teilweise zerstört. Dieses Vorgehen illustriert das inzwischen bekannte Paradox: Ein Denkmal, das der Erinnerung dienen soll, vernichtet die noch existierenden Überreste. Außerdem sieht es so aus, als seien die Natursteinmauern an der Westseite Ende 1943 im Zuge des Lagerabrisses entfernt worden. Die von uns angetroffenen Fundamentgruben deuten darauf hin. An der Ostseite wurden die Grundmauern aus unerfindlichen Gründen von den Nazis nicht abgetragen, obwohl man versucht hatte, sie zu sprengen. An fast jedem Punkt, an dem Mauern aufeinander treffen, ist auf der Grabungsfläche ein kreisförmiges Muster zu erkennen, das mit Ziegelsplittern gefüllt ist: Es sind kleine Explosionskrater. Die Fundamente der östlichen Außenmauern sind dabei nach außen gekippt, was ihnen auf der Grabungsfläche ein bogenförmiges Aussehen verleiht.

Parallel zu den beiden Außenmauern trafen wir eine Struktur an, auf der wahrscheinlich eine Plattform ruhte. Wie sich aus den vorgefundenen Spuren schließen lässt, bestand diese Struktur im Westteil aus Ziegelpfosten und im Ostteil vermutlich aus Holzpfosten. An der Außenkante der verschiedenen Kammern müssen sich Türen befunden haben, die nach der Vergasung der Opfer durch das jüdische Sonderkommando geöffnet wurden. Über eine Schmalspurbahn wurden die Leichen zu den Scheiterhaufen zwischen den Massengräbern gebracht. Sowohl von den Feuerstellen als auch von der Schmalspurbahn haben wir Überreste gefunden. Darüber hinaus trafen wir auf zahlreiche Grabungsspuren und Hinterlassenschaften, die von Schatzgräbern stammen.

Nach der Freilegung des Gebäudes musste es gezeichnet werden, was Rafał und ich per Hand getan haben. Mit unseren Bleistiften haben wir den Grundriss für die Nachwelt festgehalten. Auf Klappstühlen saßen wir in 5 x 5 m großen Feldern, um jeden einzelnen Stein maßstabsgetreu abzubilden. Das Grabungsteam arbeitete inzwischen bei der Schmalspurbahn weiter. So war es vollkommen still, nur wir beide und Olek, der alles fotografisch festhielt, waren vor Ort. Ab und zu schauten Wojtek, wie wir Wojciech kurz rufen, und Yoram vorbei. So viele Menschen, wie wir kurz nach der Entdeckung der Gaskammern begrüßen durften, kamen später nie wieder.

Goldzähne und Trauringe, Sobibor

Nach der gewissenhaften zeichnerischen Aufnahme der Backsteinmauern beschäftigte ich mich mit dem Inventarisieren der Funde im Bereich der Gaskammern. Als auffallend erwiesen sich die an der Westseite, die genauso wie in Treblinka fast ausschließlich Gegenstände waren, die nackte Menschen noch am Körper tragen können: Anhänger (darunter ein Davidstern), Haarklammern, Trauringe, Brillen und Ohrringe. Sie weichen, was Typ und Anzahl betrifft, von den Funden, die wir in Lager 2 und am Bahnsteig der Eisenbahnstation angetroffen hatten, stark ab. Dort tauchten tausende und abertausende von Alltagsgegenständen auf. Bei den Gaskammern fanden wir ziemlich wenig. Das ist nachvollziehbar, denn die Besitztümer der Opfer befanden sich als Raubgut bereits in Lager 2.

Ein ganz besonderer Fund war ein goldener Ehering im Stil eines Siegelrings mit einem eingravierten Herzen. Ich sehe heute noch vor mir, wie Gregory, einer der polnischen Mitarbeiter, neben mir den Ring aus dem Sand grub. An der Ringinnenfläche steht ein hebräischer Text: הרי את מקודשת לי בטבעת זו: „Durch diesen Ring gehörst du zu mir.“ Die britische Historikerin Hannah Wilson, die an einer Doktorarbeit über Sobibor arbeitet, notierte dazu im Blog der Haifa Holocaust Studies:

Ich erinnere mich genau an den Morgen, als ich einen silbernen Perlenohrring fand. Mir rannen die Tränen über die Wangen. Der Fund von Schmuckstücken geht einem viel näher als andere Objekte. Es sind keine menschlichen Überreste wie Knochen, Schmuck drückt die Persönlichkeit eines Menschen aus. Die Besitzerin dieser Ohrringe hat dieses besondere Paar, vielleicht ihren Lieblingsschmuck, an dem Tag getragen, an dem sie in Sobibor im Gas sterben sollte. Dieser Gedanke wird mich mein Leben lang nicht mehr loslassen.

Neben solchen Schmuckstücken fanden wir dort auch Goldfüllungen, echte Zähne und künstliche Gebisse. Womöglich wurde in diesem Bereich durch die sogenannten „Zahnärzte“ Gold gesammelt. Immer wenn ich in meinem Sieb Goldfüllungen fand, fiel es mir schwer, sie zu fotografieren. Wie abgehärtet man auch im Laufe eines Archäologenlebens wird, echte Zähne und selbst künstliche Gebisse hinterlassen – anders als das Auffinden einer Mauer oder einer Brille – immer wieder einen tiefen Eindruck. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich im menschlichen Körper befunden haben.

Ein Jahr später lagen die Fundamente immer noch offen und ungeschützt im Freien. Im Grunde hätten sie sofort mit Sand abgedeckt werden müssen. Warum das nicht passierte, bleibt ein Rätsel. Zunächst wurde über der Ostseite ein Holzdach errichtet, und zwar – und das soll hier deutlich ausgesprochen werden – äußert unsachgemäß. Die Pfosten dafür wurden einfach durch die Bodenspuren getrieben. Die Mitarbeiter des verantwortlichen Museums haben die Westseite einfach so belassen, wie sie war – ein Bereich voller Zeugnisse, die den äußeren Einflüssen schutzlos ausgesetzt blieben. Im Sommer 2015 wurden die Backsteinmauern letztendlich professionell konserviert, das heißt, mit Chemikalien besprüht und mit Sand zugeschüttet. Die gute Nachricht, die man gar nicht hoch genug schätzen kann, ist: Diese Zeugnisse sind großteils erhalten geblieben und ein Teil davon, so ist der Plan, soll für die künftigen Museumsbesucher durch Plexiglasscheiben sichtbar sein.

drei Männer
Yoram Haimi, Wojciech Mazurek und Ivar Schute

[1] : Im indonesischen Unabhängigkeitskampf blieben die niederländischen Armeeangehörigen auf den Molukken dem Königreich der Niederlande treu. Nach der Anerkennung der Unabhängigkeit 1949 wurden diese Militärangehörigen mit ihren Familien in den Niederlanden mit dem Versprechen einer möglichen Rückkehr aufgenommen, verblieben jedoch schlussendlich über Jahrzehnte in Lagern wie Westerbork.

[2] Gerhard Durlacher: Streifen am Himmel. Vom Anfang und Ende einer Reise. Aus dem Niederländischen übersetzt von Maria Csollàny. Hamburg, EVA 1994, S. 94.

[3] Anne Frank Tagebuch, Edition von Mirjam Pressler (Überarbeitung der Fassung von Otto H. Frank). Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler, Frankfurt/Main, Fischer 2001.

Porträt eines Mannes in violettem Hemd
Foto: Ilja Keizer

Zum Autor:
Ivar Schute, geb. 1966 in Middelburg, arbeitet seit fast dreißig Jahren als Archäologe für den Denkmalschutz. Dabei spezialisierte er sich auf die Archäologie des Zweiten Weltkriegs und führte in den Lagern Amersfoort, Vught, Westerbork, Bergen-Belsen, Treblinka und Sobibor sowie zahlreichen kleineren Nebenlagern Untersuchungen durch. 2020 wurde er mit dem Rachel-Borzykowski-Preis der niederländischen Stiftung Sobibor ausgezeichnet.

Ivar Schute: Im Schatten eines Nachtfalters. Ein Archäologe auf den Spuren des Holocaust. Amsterdam, Verlag Prometheus 2020.

Kapitelübersicht:

Einleitung

Der Archäologe Ivar Schute erläutert seine Motivation zu einer sehr persönlichen Reise durch eine Lagerlandschaft, die ihn von seinem Wohnort Leiden in andere niederländische Regionen und über Deutschland und Österreich bis nach Sobibor führt. Anhand von Ausgrabungen und Funden zeigt der Autor den Terror des Naziregimes auf ganz andere Weise, als es die bislang vorherrschenden historischen Untersuchungen tun.

Ein Koffer und ein Regenschirm

Anhand von Funden bei Erinnerungskunstwerken in der Stadt Leiden, dem Wohnort des Autors, zeichnet er den Weg der Leidener Juden zum Durchgangslager Westerbork nach, von wo sie in die Vernichtungslager transportiert wurden.

1: Die Lagerlandschaft

Thema des Kapitels ist der geringe Bekanntheitsgrad der überraschend zahlreichen Lager im von Nazideutschland besetzten Europa.

2: Außerhalb des Stacheldrahts

Was definiert eigentlich ein „Lager“? Nicht nur Baracken und Stacheldraht, sondern auch Überreste von Anlagen, die Infrastruktur, Versorgung und Unterhaltung dieser industriellen Anlage sichern.

3: Eine Wanderung

Der Autor führt den bekannten jüdischen Romanautor Marcel Möhring durch das Gelände außerhalb der Lagerumgrenzung von Westerbork, um ihm Fachwissen für seinen in Arbeit befindlichen Roman zu vermitteln, in dem ein Holocaustarchäologe die Hauptrolle spielt. (Das Buch ist mittlerweile unter dem Titel „Amen“ erschienen.)

4: Kupfermoos

Ein Detail zur Geschichte der „Batterienhalde“ von Westerbork, die durch eine besondere Moosart auch heute für die Fachleute noch sichtbar ist. Im Barackenlager arbeitete auch Anne Frank an der Demontage von Batterien.

5: „Ich kenne diese Menschen nicht…“

Mit diesem emotionalen Ausruf reagierte der Westerbork-Überlebende Micha Schliesser auf Fundstücke aus der Müllhalde des Lagers, die ihn an die Geschichten und Schicksale der Menschen hinter diesen Gegenständen denken ließ. Eine Präsentation der Fundstücke durch den Autor in Interaktion mit den Besuchern der Gedenkstätte zeigte die „außergewöhnliche Alltäglichkeit“ der Gegenstände, durch die ihre Besitzer und Benutzer sichtbar werden.

6: Die Latrinen von Lager Gijsselte

Der Autor besucht im Rahmen einer TV-Dokumentation mit einem einheimischen Zeitzeugen das ehemalige jüdische Zwangsarbeiterlager Gijsselte in der Umgebung von Westerbork, dessen Latrinenanlage er unter anderem entdeckt hat.

7: Der Baum mit dem eingekerbten Davidsstern

Im Lager Schaffelaar bei Barneveld, das für sog. Rassenmischlinge gedacht war, führte der Autor eine Untersuchung durch. Ein Baum mit einem eingekerbten Davidsstern symbolisiert für ihn die Thematik von materiellem und immateriellem Erbgut.

8: Ein Massengrab in Bergen-Belsen

Der Enkel eines niederländischen KZ-Opfers initiierte die Suche nach dem Massengrab in Bergen-Belsen, in dem sein Großvater laut Aussage eines befreundeten Mithäftlings begraben wurde. Der Autor konnte im Zuge einer geophysikalischen Untersuchung dieses Massengrab nachweisen.

9: Sachsenhausen und der Mann mit dem Hündchen

1993, kurz der Gründung der Gedenkstätte, wurde der Autor wegen einer geophysikalische Untersuchung im Lagerbereich Sachsenhausen angefragt, zu der es damals jedoch nicht kam. Bei seinem Besuch fiel ihm ein Spaziergänger mit einem Hündchen auf, der – aufgewachsen in der DDR – keine Ahnung von der Geschichte des Komplexes hatte. 26 Jahre später besuchte der Autor das Lager wieder und stellt die Eindrücke einander gegenüber, auch in Bezug auf die Ausgrabungen durch Claudia Teune.

10: Eine jüdische Victory-Geste

Der Autor erlebt den Auftritt des Thessalonicher Holocaustüberlebenden Heinz Kounio mit seiner Familie im Haus der Wannseekonferenz in Berlin und hat sich dann selbst auf Spurensuche nach der jüdischen Vergangenheit der griechischen Stadt begeben.

11: Die Hölle von Ebensee

Heinz Kounio hat vier KZs überlebt, zuletzt das Salzburger Lager Ebensee. Ein aktueller Besuch in der ausgedehnten, als Gedenkstätte zugänglichen Stollenanlage offenbart immer noch Terror und Schrecken. Der Lagereingang liegt mitten in einer Wohnsiedlung und wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit der Vergangenheit.

12: Das Ringelblum-Archiv

Das 1943 vergrabene Ringelblum-Archiv der Widerstandbewegung des Warschauer Ghettos wurde teilweise wiedergefunden. Der letzte, noch nicht ausgegrabene Teil befindet sich heute unterhalb der chinesischen Botschaft in Warschau, was Archäologen vor eine Reihe von politischen, diplomatischen und historischen Fragen stellt. 2003 blieb die Untersuchung eines israelischen Kollegen noch ergebnislos, doch die technische Entwicklung ließe heute womöglich neue Erkenntnisse zu.

13: Treblinka: Haifischzähne und Davidsstern

In der Forschungsgruppe von Caroline Sturdy-Colls nahm der Autor an einer Sondierungsuntersuchung zur Auffindung der ersten Gaskammern in Treblinka teil. Der war zufällig der erste, der in seinem Probeschnitt Fundamentreste feststellte. Bei der Suche war er zunächst auf Haifischzähne gestoßen, die ihn in eine andere Richtung graben ließen, bis er schließlich auf terrakottafarbene Kacheln mit einem Symbol in der Mitte traf, das einem Davidsstern glich, sich schlussendlich aber als Markenzeichen einer Ziegelei herausstellte. Diese ganze Szene wurde live von Channel 4 gefilmt. Von Holocaustleugnern wurde daraus eine Falschaussage konstruiert und gegen ihn verwendet.

14: Über David Irving und Deborah Lipstadt

Der Autor besuchte einen Vortrag von Deborah Lipstadt, die erfolgreich gegen den Historiker und Holocaustleugner David Irving prozessiert hatte. Er fragt sich, wie man als Archäologe mit Holocaustleugnern umgeht. Während der Freilegung der Gaskammern in Sobibor durch eine Gruppe von Archäologen aus Polen, Israel und den Niederlanden war Irving mit einer Gruppe von Gesinnungsgenossen angereist, hatte den Fundort inspiziert und das Gespräch mit dem Team gesucht.

15: Eine verkohlte Fläche

Hier erläutert der Autor das – von ihm so bezeichnete – „Erinnerungsparadox“ anhand des Lagers Bełzec: Durch die Errichtung von Mahnmalen und Gedenkstätten wird das archäologische Bodenarchiv endgültig vernichtet, da man bei deren Planung üblicherweise von der Sichtweise der Historiker ausgeht, dass die Lager der Aktion Reinhardt von den Tätern selbst abgerissen worden seien und daher keine Spuren mehr existieren würden.

16: Das Arbeitslager Luta

Rings um Sobibor befand sich ein ganzes System von Arbeitslagern wie etwa beim Dörfchen Luta, dessen Gefangene in einem Massengrab im Wald verscharrt liegen. Der Autor erzählt von den Bemühungen um dessen Auffindung.

17: Die Ausgrabung in Sobibor

Es geht um die jahrzehntelange Vorgeschichte der Ausgrabung des Lagers Sobibor, die Beteiligung und Finanzierung durch verschiedene Länder und die Ergebnisse der Ausgrabungen von 2011 bis 2017.

18: Wojciech und Yoram

Der Autor beschreibt seine beiden Kollegen Wojciech Mazurek und Yoram Haimi aus Polen und Israel, zu deren Team er 2013 stieß.

19: Zwischen Hoffnung und Illusion

Besonders viele Alltagsgegenstände – zahlreiche davon aus Westerbork – tauchten in der Abfallgrube des Lagers auf. An ihnen lässt sich die Hoffnung der Ankömmlinge auf ein Leben dort und auch danach ablesen.

20: Gegenstände, die Namen tragen

Was passiert, wenn auf Fundstücken persönliche Daten auftauchen? Insgesamt sind bisher vierzehn solcher Artefakte aufgetaucht, davon zwölf aus den Niederlanden. Der Autor hat langwierige Recherchen durchgeführt, um die Personen und Geschichten dahinter zu finden. Er hat Familienmitglieder ausfindig gemacht und nimmt zur Frage Stellung, wem diese Gegenstände schlussendlich heute gehören.

21: Über einen 73-jährigen Marokkaner

Eine militärische Identitätsmarke führte den Autor zur merkwürdigen Geschichte eines Mannes aus Tanger, Messaoud Aknine, der über Marseille und das Durchgangslager Drancy schließlich nach Sobibor kam.

22: Max van Dam

Der niederländische Maler Max van Dam konnte im Lager Sobibor eine Weile überleben, da er für einen SS-Offizier Gemälde anfertigte und deshalb als Zwangsarbeiter die Besitztümer der Ankommenden sichten und sortieren musste. Als das Sonderkommando über einen Tunnel zu entkommen versuchte, sollten als Vergeltungsmaßnahme 70 Arbeitsjuden erschossen werden. Im letzten Moment wird Max van Dam von seinem Auftraggeber zurückgerufen. Der Autor reflektiert über die Möglichkeiten von Widerstand im Todeslager und beschreibt den Fund des Tunnels.

23: Trawniki

Das Ausgrabungsteam macht einen Wochenendausflug nach Trawniki, einem kleinen Dorf, dessen ehemaliges Lager, ca. 50 km von Sobibor entfernt, sie auf der Suche nach Überresten inspizieren. Nach diesem Ort wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen benannt, die zu Aufsichtspersonal u.a. der Aktion-Reinhardt-Lager „weitergebildet“ wurden, unter ihnen John Demjanjuk.

24: Das Fotoalbum

Der Autor hatte die Gelegenheit, das kürzlich publizierte Fotoalbum von Johann Niemann, der als SS-Offizier in Sobibor war, vorab zu sehen. Das Interessante an diesen Fotos ist für ihn, was sie nicht zeigen – keine Leichen, Züge, Gefangenen, Himmelfahrtsstraße, als sei Sobibor ein Erholungsort gewesen. Die Arbeit der Archäologen hat sich ausschließlich auf die Bereiche konzentriert, die nicht abgebildet wurden. Somit sind sie komplementär zu den Jahrzehnte später plötzlich aufgetauchten Bildern.

25: Beweis…

„Woher wissen Sie, dass das die Gaskammern sind?“ Diese Frage stellte ein junger Mann aus einer Besuchergruppe, die der Autor durch die Ausgrabung führte. Er beantwortet die Frage aus archäologischer Perspektive, da der Holocaust an sich keine weiteren Beweise erfordert.

26: Die Gaskammern

Der Autor beschreibt im Detail die Entdeckung und die Interpretation der vorgefundenen Struktur, vor allem die Gründe für die zweigeteilte Anordnung der Anlage.

27: Hineni

Das Kapitel „Hineni“, der hebräische Satz: „Sieh, hier bin ich“, dreht sich um Philip Bialowitz, einen der fast fünfzig Überlebenden des Vernichtungslagers, der 2014 mit einem ARD-Kamerateam zum ersten Mal den Bereich der Gaskammern betrat, die er als Zwangsarbeiter nie gesehen hatte. Der Autor wurde zusammen mit ihm interviewt.

28: Vogelnest und Hufeisen

Anhand von Funden aus dem Vernichtungslager erzählt der Autor von seiner eigenen Betroffenheit und was diese Arbeit bei einem Archäologen auslöst.

Text und Fotos: Ivar Schute, Übersetzung aus dem Niederländischen: Michaela Prinzinger. Kapitelübersicht: Michaela Prinzinger. Zum Weiterlesen: „Bitterer Boden„, Reiseartikel von Michaela Prinzinger nach Sobibor, erschienen in der Berliner Morgenpost.

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