{"id":1095,"date":"2016-11-11T22:25:55","date_gmt":"2016-11-11T21:25:55","guid":{"rendered":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/?p=1095"},"modified":"2016-11-11T22:30:00","modified_gmt":"2016-11-11T21:30:00","slug":"elias-venesis-enilikiosi-ypo-ti-skia-tou-thanatou","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/elias-venesis-enilikiosi-ypo-ti-skia-tou-thanatou\/","title":{"rendered":"\u039f \u0397\u03bb\u03af\u03b1\u03c2 \u0392\u03b5\u03bd\u03ad\u03b6\u03b7\u03c2 \u03c3\u03c4\u03b1 \u03b3\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac: \u03a4\u03bf \u039d\u03bf\u03cd\u03bc\u03b5\u03c1\u03bf 31328"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u03a3\u03c4\u03b7\u03bd \u03b7\u03bc\u03b5\u03c1\u03af\u03b4\u03b1 \u00ab<a href=\"https:\/\/www.eaberlin.de\/seminars\/data\/2013\/rel\/das-unsagbare-schreiben\/\" target=\"_blank\">Das Unsagbare schreiben. Prosa \u00fcber V\u00f6lkermord. 11.-13. Oktober 2013<\/a>\u00bb \u03bc\u03b5 \u03b8\u03ad\u03bc\u03b1 \u03c4\u03b7\u03bd \u03ad\u03bd\u03bd\u03bf\u03b9\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b3\u03b5\u03bd\u03bf\u03ba\u03c4\u03bf\u03bd\u03af\u03b1\u03c2 \u03c3\u03c4\u03b7 \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1, \u03c0\u03bf\u03c5 \u03ad\u03bb\u03b1\u03b2\u03b5 \u03c7\u03ce\u03c1\u03b1 \u03c3\u03c4\u03bf\u03bd \u03bf\u03c1\u03b3\u03b1\u03bd\u03b9\u03c3\u03bc\u03cc Evangelischen Bildungsst\u00e4tte am Schwanenwerder \u03c4\u03bf\u03c5 \u0392\u03b5\u03c1\u03bf\u03bb\u03af\u03bd\u03bf\u03c5, \u03b7 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03c0\u03b1\u03c1\u03bf\u03c5\u03c3\u03af\u03b1\u03c3\u03b5 \u03c3\u03c4\u03b7 \u03b4\u03b9\u03ac\u03bb\u03b5\u03be\u03ae \u03c4\u03b7\u03c2 \u03c4\u03bf \u03ad\u03c1\u03b3\u03bf \u03c4\u03bf\u03c5 \u0397\u03bb\u03af\u03b1 \u0392\u03b5\u03bd\u03ad\u03b6\u03b7, \u03b5\u03b9\u03b4\u03b9\u03ba\u03ac \u03c4\u03bf \u03b2\u03b9\u03b2\u03bb\u03af\u03bf \u03c4\u03bf\u03c5 \u03a4\u03bf \u039d\u03bf\u03cd\u03bc\u03b5\u03c1\u03bf 31328.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die neuzeitliche Geschichte des kleinasiatischen Griechentums bis hin zu den Ereignissen von 1922 ist in der neugriechischen Literatur hundertfach thematisiert worden. Von Selbstzeugnissen durch Augenzeugen knapp nach den Ereignissen bis hin zu Fiktionalisierungen in j\u00fcngster Zeit reicht der Facettenreichtum. Was sagt den heutigen, jungen Griechen das Zauberwort Smyrna noch, das tragische Jahr 1922?<\/p>\n<p>Dabei denke ich vor allem an den Mega-Bestseller \u201eDie Hexen von Smyrna\u201c von Mara Meimaridi, der durch eine Fernsehserie noch popul\u00e4rer wurde und den ich f\u00fcr den Insel-Verlag 2011 \u00fcbersetzt habe. Wenn es Sie interessiert: Es ist aktuell als Insel-Taschenbuch erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Meimaridi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1087\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Meimaridi.jpg\" alt=\"meimaridi\" width=\"110\" height=\"177\" \/><\/a>Die historische Haupterz\u00e4hlung spielt zwischen 1888 und 1922 in Smyrna. Mara Meimaridi schildert in einer kraftvollen, dynamischen Sprache den Lebensweg der Hauptfigur Katina. Die sprachliche F\u00e4rbung der Erz\u00e4hlung (die sprachlichen Nuancen der smyrniotischen Griechen, durchsetzt von T\u00fcrkisch, Arabisch und anderen Sprachen) ist f\u00fcr griechische Leser besonders faszinierend. Daf\u00fcr findet sich auch ein Glossar am Ende des Buches, in dem die speziellen Ausdr\u00fccke der kleinasiatischen Griechen erl\u00e4utert werden. Diese kleinasiatischen Griechen haben ja die Geschichte, Mentalit\u00e4t und Musik Griechenlands entscheidend gepr\u00e4gt, als sie 1922 aus ihren Herkunftsgebieten vertrieben wurden, als Folge des Kleinasiatischen Feldzugs der Griechen, auf der Suche nach dem Traum von einem mythischen gro\u00dfgriechischen Reich, der von Atat\u00fcrk zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>In Griechenland stie\u00df dieses Buch, wie es scheint, auf eine semantische Leerstelle und ein Bed\u00fcrfnis nach einer romantischen Orientalisierung der Geschichte, zu einer Zeit, wo viele Leserinnen und Zuschauerinnen die Erz\u00e4hlung \u00fcber die m\u00e4rchenhafte, multikulturelle Stadt Smyrna als das Schlie\u00dfen einer Bildungsl\u00fccke empfanden. Den Intellektuellen grauste vor diesem Buch, das Publikum liebte es hei\u00df.<\/p>\n<p>Doch auch die Texte von Ilias Venesis, um den es uns hier und heute vornehmlich geht, m\u00fcssen sowohl bei den griechischen als auch bei den deutschen Lesern eine semantische Leerstelle und ein Bed\u00fcrfnis getroffen haben, denn sonst w\u00e4ren sie nicht in GR bis heute lieferbar (durch den Traditionsverlag Hestia, der leider auch von der Krise schwer getroffen wurde und nach 128 Jahren seine Buchhandlung in der Athener Solonos-Stra\u00dfe schlie\u00dfen musste) und sie w\u00e4ren in den Vierziger- bis Sechziger-Jahren nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt worden.<\/p>\n<p>Was im griechischen Sprachraum als \u201ekleinasiatische Katastrophe\u201c bezeichnet wird, hat eine Million Tote gefordert und 1-1,5 Millionen Menschen zu Heimatvertriebenen gemacht. Dazu kommt, dass eine griech. Bev\u00f6lkerung, die in einem wesentlich \u00e4rmeren und unfruchtbareren Land lebten als die Fl\u00fcchtlinge, von damals 5 Millionen diese hohe Zahl an Vertriebenen aufnehmen, assimilieren und ern\u00e4hren musste. Wie feindselig die Alteingesessenen oft reagierten, kann man in Venesis\u00b4 Buch \u201eFriede in attischer Bucht\u201c nachlesen. Im Herbst 1923 waren 25-30% der Einwohner des damaligen Staates Griechenland gerade erst ins Land gekommene \u201eAnatolier\u201c. Anatolien war f\u00fcr die Griechen der \u00dcberrest eines vor Jahrhunderten verlorenen Gro\u00dfreiches und verk\u00f6rperte das uneingel\u00f6ste Versprechen, die alte Gr\u00f6\u00dfe wieder zu erringen. Andererseits ging GR aus der \u201ekleinasiatischen Katastrophe\u201c als nach dem Bev\u00f6lkerungsaustausch ethnisch homogenisierte Nation hervor. Durch die Vertriebenen wurden nur sp\u00e4rlich besiedelte Gegenden kultiviert und sie halfen mit, in den St\u00e4dten eine urbane Kultur zu entwickeln. 1922 war der Zeitpunkt, zu dem Griechenland zu dem wurde, was es heute ist. Das Griechentum, das \u2013 abgesehen von der griechischen Diaspora auf der ganzen Welt \u2013 au\u00dferhalb der Staatsgrenzen lebte in Istanbul, in Smyrna und auch in Alexandria und \u00f6konomisch gesehen viel reicher war als die auf griech. Staatsgebiet lebenden Einwohner existierte nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Idee von der Wiederherstellung eines \u201egro\u00dfgriechischen Reiches\u201c beseelte schon die griechischen Revolution\u00e4re von 1821. Auf der Agenda standen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts (Rigas Velistinlis) die Balkanl\u00e4nder, Kreta, Zypern, Rhodos, Thessaloniki, die \u00c4g\u00e4ischen Inseln, Thrakien und Konstantinopel. In den Balkankriegen 1912-13 war es Venizelos gelungen, Schritt f\u00fcr Schritt dieses Plans zu verwirklichen: S\u00fcdepirus, Kreta und S\u00fcdmakedonien wurden Griechenland angegliedert. Nach dem Sieg der Entente im ersten Weltkrieg, der GR angeh\u00f6rte, und dem Vertrag von Sevres schien nach dem Ende des osmanischen Reiches das Ziel zum Greifen nah. Griechisch bewohnte Teile Kleinasiens, der europ\u00e4ische Teil der T\u00fcrkei und Konstantinopel\/Istanbul sollten zur\u00fcckgewonnen werden. Im Mai 1919 wurden die von Griechen bewohnten Teile der Westk\u00fcste Kleinasiens unter griechische Verwaltung genommen, zun\u00e4chst f\u00fcr 5 Jahre, dann sollte laut Vertrag von S\u00e8vres ein Volksentscheid durchgef\u00fchrt werden und \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit des Gebiets bestimmen. T\u00fcrkische Partisanen wehrten sich und die Griechen f\u00fchrten Strafexpeditionen durch. Beiderseits kam es zu Massakern an Zivilisten. Nach einer t\u00fcrkischen Volksz\u00e4hlung von 1914 leben in diesen Gebieten 1,8 Mill. Menschen mit griechisch-orthodoxem Hintergrund. Mustafa Kemal erkannte den Vertrag von S\u00e8vres auch aus diesem Grund nicht an. Die Westm\u00e4chte waren \u00fcberrascht vom t\u00fcrkischen Widerstand und verhielten sich widerspr\u00fcchlich, und als Venizelos gest\u00fcrzt wurde, stand das griechische Milit\u00e4r in Kleinasien auf verlorenem Posten. Nach dem Vertrag von Sevres sollte das osmanische Reich aufgeteilt werden und auch Armenier, Kurden und Griechen sollten ihren Anteil erhalten. Nach ersten Erfolgen der griechischen Truppen kam die R\u00fcckeroberung zum Stillstand. Nach der Schlacht am Sakarya bei Ankara begann Kemal 1922 die Gegenoffensive und am 30. August wurden die griechischen Truppen vernichtend geschlagen. Am 9. September marschierte Kemal in Smyrna\/Izmir ein und die Stadt ging in Flammen auf, wobei Zehntausende Einwohner get\u00f6tet wurden. Darin spiegelt sich alles, was in der griechischsprachigen Welt unter \u201ekleinasiatischer Katastrophe\u201c verstanden wird. 1923 im Vertrag von Lausanne wurde der Austausch der christlichen und muslimischen Bev\u00f6lkerung festgeschrieben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/VenesisNummer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1083\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/VenesisNummer.jpg\" alt=\"venesisnummer\" width=\"190\" height=\"265\" \/><\/a>Aus der Vielzahl der einschl\u00e4gigen Literatur ragen drei Texte heraus, die in der neugriechischen Literaturgeschichte in exemplarischer Weise die Ereignisse um 1922 verarbeitet haben: Stratis Doukas\u201d Novelle \u201eGeschichte eines Kriegsgefangenen\u201c aus dem Jahr 1929, Ilias Venesis\u00b4 Roman \u201eNummer 31328\u201c aus dem Jahr 1931 (wobei die erste Fassung 1924 in mehreren Folgen in der von seinem Freund und Mentor Stratis Myrivilis auf Lesbos herausgegebenen Zeitschrift \u201eKambana\/Die Glocke\u201c erschienen ist), und Dido Sotirious Roman \u201eGr\u00fc\u00df mir die Erde, die uns beide geboren hat\u201c (1962, dt. 1994, Originaltitel \u201eBlutige Erde\u201c).<\/p>\n<p>Ilias Venesis, Pseudonym von Ilias Mellos, wurde 1904 (andere Quellen sprechen von 1898) in Ayvalik in Kleinasien als viertes Kind (von insgesamt sieben) griechischer Eltern geboren. Der Name Ayvalik soll auf den Begriff Aiolis zur\u00fcckgehen, der griechische Name lautete Kydonies. Die Aiolis bzw. \u00c4olien war das vom altgriechischen Stamm der \u00c4olier 1100 bis 700 v. Chr. besiedelte Land an der Westk\u00fcste Kleinasiens von Smyrna im S\u00fcden bis zu den Dardanellen im Norden. In der griechischen Mythologie ist Aiolos der Beherrscher der Winde. Die Stadt Ayvalik hatte im osmanischen Reich eine Sonderstellung, da dort vorwiegend Griechen siedeln durften und kaum T\u00fcrken die Stadt bewohnten. Daher darf es nicht verwundern, dass die Hauptfigur Elias in Venesis\u00b4 Buch kein T\u00fcrkisch kann und erst im Arbeitsbataillon Grundkenntnisse erwirbt.<\/p>\n<p>Venesis\u00b4 Vater stammte aus Kefallonia, seine Mutter aus Mytilini, Lesbos. Im Buch \u201e\u00c4olische Erde\u201c wird die mythische Entstehung der Insel Lesbos und wie ich es verstehe, auch des gegen\u00fcberliegenden Festlandes, also alles, was f\u00fcr Venesis \u201eHeimat\u201c bedeuten wird, auf poetische Weise gleich am Textanfang geschildert:<\/p>\n<p>\u201eAls die Wogen des \u00c4g\u00e4ischen Meeres sich teilten und die Berge von Lesbos aus der Tiefe aufzusteigen begannen, feucht, gl\u00e4nzend und still, da sahen die Wogen \u00fcberrascht die Insel, ihren neuen Freund. Sie waren gewohnt, aus den Zonen des Kretischen Meeres her\u00fcberzuwandern und an den K\u00fcsten Anatoliens zu verl\u00f6schen, und was sie vom Festland kannten, waren harte Berge, gewaltige, schroffe Felsen, Land aus gelbem Stein. Dies Land hier aber, mit der neuen Insel, war etwas anderes \u2013 o wie Verschiedenes! Drum sagten die Wogen: Lasst uns gehen und lasst uns die Botschaft bringen dem n\u00e4chsten Lande von hier, dem Land der \u00c4olis. Lasst uns ihm von der Insel erz\u00e4hlen, dem neuen Land, das das Licht mit der friedlichen Stille verband, von ihrem Umriss und ihrem Rhythmus, der so sanft ist, als trage er das Schweigen in sich. Lasst uns ihm erz\u00e4hlen von dem Wunder des \u00c4g\u00e4ischen Meeres.<\/p>\n<p>Und die Wogen kamen und brachten die Botschaft des Meeres an die \u00e4olische K\u00fcste. Es kamen immer neue und wieder neue Wogen, alle Wogen, alle sprachen sie von dem Kunstwerk dieser Insel, von dem Kleinod der Harmonie und des Schweigens.<\/p>\n<p>Am ersten Tage h\u00f6rten das die harten Berge des Morgenlandes und blieben gleichg\u00fcltig. Sie h\u00f6rten es am n\u00e4chsten Tage, und wieder r\u00fchrte es sie nicht. Als aber das \u00dcbel zu gro\u00df ward und sie keinen Augenblick etwas anderes h\u00f6rten als die Stimme des Meeres, die ihnen von dem Wunder berichtete, da verloren die Berge ihre reglose Ruhe und neigten sich neugierig \u00fcber die Wogen, um die Insel im \u00c4g\u00e4ischen Meer zu sehen. Sie waren neidisch auf ihre Harmonie und sagten: \u2013 Lasst auch uns einen Platz schaffen auf der Erde der \u00c4olis, der so friedlich und so still ist wie die Insel! Da teilten sich die Berge, zogen sich in die Tiefe zur\u00fcck, und die Landschaft, die sie zur\u00fccklie\u00dfen, wurde eine Gegend friedlicher Stille. Jene Berge Anatoliens hie\u00dfen Kimindenia.\u201c<\/p>\n<p>Venesis\u00b4 Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits, der aus Kefallonia stammte, lie\u00df sich nach dem Aufstand von 1821 in Ayvalik nieder. Er hie\u00df Dimitrios Venesis, was Ilias Mellos anscheinend als den eigentlichen Familiennamen betrachtet hat, den er als Literat benutzte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Venesis-aeolische_erde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1081\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Venesis-aeolische_erde.jpg\" alt=\"venesis-aeolische_erde\" width=\"187\" height=\"270\" \/><\/a>Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs, also bis zu seinem 10. Lebensjahr, lebte Venesis in Ayvalik und auf dem Landgut seiner Gro\u00dfeltern. Literarisch hat Ilias Venesis diese Zeit in seinem Buch \u201e\u00c4olische Erde\u201c verarbeitet, das aus der Perspektive eines kindlichen Ich-Erz\u00e4hlers die Geschichte der Gro\u00dfeltern in den Kimendenia-Bergen erz\u00e4hlt, nat\u00fcrlich aus der r\u00fcckblickenden Perspektive des sp\u00e4teren Erwachsenen, der 1943 das Buch mit seinen Jugenderinnerungen publiziert, mitten in 2. Weltkrieg, als ganz andere Dinge auf der Agenda stehen. Das Personal dieser Familiengeschichte wird man in \u201eNummer 31328\u201c wiederfinden. Dieser Band bildet den Abschluss einer Trilogie, die Venesis\u00b4 Leben als Kind in Kleinasien, die Arbeitsbataillone 1922-23 und die Folgegeschichte nach dem Bev\u00f6lkerungsaustausch umfassen. Im Original sind die B\u00e4nde \u201eNummer 31328\u201c 1931, der Folgeband \u00abGalini\u00bb, in dt. \u00dcbersetzung \u201eFriede in attischer Bucht\u201c ,1939, und der R\u00fcckblick und das Erinnerungsbuch an die Kindheit \u201e\u00c4olische Erde\u201c, 1943, erschienen. In deutscher \u00dcbersetzung sieht die Abfolge anders aus: Hier ist zuerst das Sehnsuchtsbuch \u201e\u00c4olische Erde\u201c im Insel Verlag, damals in Wiesbaden, erschienen, dann 1963 der Band \u201eFriede in attischer Bucht\u201c (Christian Wegner, Hamburg), der das Leben der Vertriebenen nach dem Bev\u00f6lkerungsaustausch schildert, und erst 1969 Venesis\u00b4 Erstling \u201eNummer 31328\u201c mit dem Untertitel \u201eLeidensweg in Anatolien\u201c (Philipp von Zabern, Mainz), auf Griechisch klang es h\u00e4rter: \u201eDas Buch der Sklaverei\u201c. Auf deutsch ist zudem 1958 der Erz\u00e4hlband \u201eBoten der Vers\u00f6hnung\u201c (Wolfgang Rothe, Heidelberg) herausgekommen. Venesis\u00b4 \u00dcbersetzer waren die klassischen Philologen und an der Deutschen Schule Athen t\u00e4tigen Lehrer Helmut Flume und Roland Hampe und die sp\u00e4tere Professorin f\u00fcr Neugriechische Philologie und \u00dcbersetzerin vieler Autoren wie z. B. auch Kazantzakis, Isidora Rosenthal-Kamarinea.<\/p>\n<p>Venesis\u00b4 Vater und seine Schwester Agapi blieben unfreiwillig in Ayvalik zur\u00fcck, die Mutter setzte mit den anderen Geschwistern nach Mytilini \u00fcber, wo dieser Teil der Familie bis 1919 verblieb. Dieser Abschied von der Heimat, wird in \u201eA\u00f6lische Erde\u201c, am Ende des Textes thematisiert, als der Gro\u00dfvater eine Handvoll Erde mitnimmt:<\/p>\n<p>\u201eWas ist das? \u2013 \u201eEs ist nichts\u201c, sagte sch\u00fcchtern der Gro\u00dfvater, wie ein Kind das ertappt wurde. \u201eEs ist nichts. Etwas Erde ist es\u2026\u201c \u2013 \u201eErde!\u201c \u2013 Ja, etwas Erde von ihrem Boden. Um ein Basilikum hineinzupflanzen, sagte er ihr, in dem fremden Land, in das sie z\u00f6gen. Zur Erinnerung.\u201c<\/p>\n<p>Der Text endet mit den Worten: \u201eErde, \u00e4olische Erde, Erde meine Heimat\u2026\u201c Die Handvoll Erde symbolisiert die Verbundenheit mit dem Heimatboden, die Sehnsucht aller Vertriebenen, in deren Augen die verlorene Heimat zum Paradies auf Erden wird. Und \u00fcber diese beiden Seiten des Mittelmeeres soll sich das Griechentum wieder zu einem gro\u00dfen Ganzen vereinen. In den Griechen an der Westk\u00fcste Kleinasiens wird der Mythos Griechenland von Generation zu Generation wachgehalten, wie Venesis in einem autobiografischen Text schildert, um in dieser ersehnten Einheit seine Erf\u00fcllung zu finden. Die \u00c4g\u00e4is wird zum Symbol f\u00fcr die Einheit des Griechentums. Diesem Setting wird Venesis in all seinen Werken folgen, auch wenn der Schauplatz au\u00dferhalb der \u00c4g\u00e4is liegt. Das Meer spielt immer eine tragende Rolle. Und Venesis wird zum Autor, der die Vertreibung, die Entwurzelung schildert, aber auch die Menschlichkeit und das Durchhalteverm\u00f6gen, die sich in diesen Lebenssituationen \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>\u201e\u00c4olische Erde\u201c wurde ins Franz\u00f6sische, Schwedische, Englische (mit Vorwort von Lawrence Durrell), ins Italienische, Jugoslawische, Niederl\u00e4ndische, Norwegische, Finnische, Rum\u00e4nische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Die Familie kehrte erst nach f\u00fcnf Jahren wieder nach Ayvalik zur\u00fcck, nachdem die griechischen Truppen gelandet waren. Im September 1922 wurde Venesis, der gerade das Gymnasium absolviert hatte, von den T\u00fcrken gefangen genommen und 14 Monate lang in Arbeitsbataillone im Landesinneren verschleppt. Von den 3000 Gefangenen aus Ayvalik kehrten nur ca. zwanzig lebend zur\u00fcck, unter ihnen im November 1923 Venesis. Die Familie konnte sich auf Lesbos retten. Daraufhin gelangte er im Zuge des Vertrags von Lausanne und des darin vereinbarten Bev\u00f6lkerungsaustausches zur\u00fcck nach Lesbos zu seiner Familie, wo er u.a. als Bankbeamter arbeitete. Zu der Zeit scharte ein junger Schriftsteller, Stratis Myrivilis, junge Kreative um sich und ver\u00f6ffentlichte 1924 die erste, noch rohe und sehr nah an den Ereignissen orientierte und unter dem Einfluss seiner Vorbilder stehende Version von Venesis\u00b4 Erlebnissen in der Zeitschrift \u201eKambana\/Die Glocke\u201c. Stratis Myrivilis hatte sich durch seinen 1924 erschienen Roman \u201eDas Leben im Grab\u201c (\u00fcbersetzt von Ulf-Diether Klemm bei Romiosini) seinen Platz in der neugriechischen Literaturgeschichte gesichert, indem er ein Werk schuf, das sich in eine Reihe mit der Antikriegsliteratur eines Henri Barbusse oder eines Erich-Maria Remarque stellen darf. Ihm ist es zu verdanken, dass Ilias Venesis schlie\u00dflich zur Feder gegriffen und seine Erlebnisse niedergeschrieben hat. In den folgenden Jahren entwickelt Venesis seinen eigenen Schreibstil, ver\u00f6ffentlicht 1928 seinen ersten Erz\u00e4hlband und \u00fcberarbeitet schlie\u00dflich sein Erstlingswerk, das 1931 als Buch auf Mytilini erscheint. Nach seiner Versetzung nach Athen heiratete er 1938 seine ebenfalls aus Ayvalik stammende Frau, mit der er eine Tochter hatte. Im Zuge der deutschen Besatzung Athens wurde er im Oktober 1943 von der SS ins Averoff-Gef\u00e4ngnis gesteckt, wo er 23 Tage in Todestrakt verbrachte, bevor er auf Intervention von Intellektuellen freigelassen wurde, was er im Theaterst\u00fcck \u201eBlock C\u201c verarbeitet hat. Im Dezember 1943 erscheint, wie erw\u00e4hnt, \u201e\u00c4olische Erde\u201c, ein von Anfang viel gelesenes Buch. 1949 wird Venesis als erster europ\u00e4ischer Autor von US-amerikanischen State Department zu einem sechsmonatigen Aufenthalt in den USA eingeladen.<\/p>\n<p>Bereits in den vierziger Jahren setzte die erste \u00dcbersetzungswelle von Venesis\u00b4 Werken ein, z. B. \u201eTo noumero\u201c wird 1946 ins Franz\u00f6sische, 1947 ins Italienische und Portugiesische \u00fcbertragen. Zeit seines Lebens blieb der Autor nah am Zeitgeschehen und an seinen pers\u00f6nlichen Erlebnissen mit seiner Literatur, so thematisierte er auch den 2. Weltkrieg, die Besatzungszeit und seine Reisen. Das \u00fcbersetzerische Interesse an \u201eTo noumero\u201c h\u00e4lt sich bis in die 90er und 2000er-Jahre, wo Ausgaben auf Serbisch, Rum\u00e4nisch und Spanisch entstehen. Venesis engagierte sich im Athener Kulturbetrieb, war im Verwaltungsrat des Nationaltheaters, Mitarbeiter des Staatlichen Rundfunks, Leiter des Kinofestivals Thessaloniki, 1957 wurde er Mitglied der Athener Akademie. Er wurde mit dem 1. Staatspreis f\u00fcr Literatur und ebenfalls von der Athener Akademie f\u00fcr sein Werk ausgezeichnet. 1971 erkrankt er schwer an Kehlkopf- und Gesichtskrebs, und nach seinem Tod 1973 erscheint posthum der Band \u201eSei gegr\u00fc\u00dft, Kleinasien\u201c. Er wurde auf dem kleinen Friedhof von Mythimna auf Lesbos bestattet, auf dem Grabstein steht nicht sein Name, sondern nur das Wort \u201eGalini\u201c, der Titel seines 1939 erschienenen Romans, was, wie uns auch der \u00dcbersetzer bzw. Verleger der deutschen Ausgabe erl\u00e4utert, Stille, Ruhe, Klarheit des Himmels und Seelenruhe bedeutet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Venesis-Friede.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1085\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Venesis-Friede.jpg\" alt=\"venesis-friede\" width=\"110\" height=\"177\" \/><\/a>Die Widmung im griechischen Original lautet: \u201eMeiner gequ\u00e4lten Mutter, allen M\u00fcttern dieser Welt.\u201c Damit ist schon ein erster Ansatz klar: Die Allgemeing\u00fcltigkeit des Bildes der leidenden Mutter, deren Kind in Todesgefahr ger\u00e4t. Und zwar egal, welcher Nationalit\u00e4t oder Religion sie angeh\u00f6rt. Somit wird eine Br\u00fccke geschlagen zwischen den T\u00e4tern und Opfern, die eine reziproke Beziehung verbindet, v.a. zwischen Griechen und T\u00fcrken. Dies wird auch im Buch thematisiert, die griechischen Gefangenen, die sich etwas zuschulden haben kommen lassen, haben Angst, an die entsprechenden Orte zur\u00fcckzukehren. Dort werden sie dann auch geb\u00fchrend empfangen und fallen Vergeltungsma\u00dfnahmen zum Opfer.<\/p>\n<p>Die Erstausgabe als Buch erfolgte 1931 auf Lesbos unter der Genre-Bezeichnung \u201eChronik\u201c, die 2., leicht \u00fcberarbeitete Auflage 1954 in Athen und die 3., noch st\u00e4rker \u00fcberarb. Auflage 1952 beim Hestia-Verlag in Athen. Es f\u00e4llt generell schwer, Venesis B\u00fccher als \u201eRomane\u201c zu kategorisieren, dazu sind sie zu wenig straff konzipiert, was einerseits von der griechischen Literaturkritik angemahnt, andererseits aber auch als St\u00e4rke und Innovation anerkannt wurde. Das mythische und das tr\u00e4umerische Element bekommen einen Platz in Venesis\u00b4 Texten, die Innerlichkeit und die freie Form werden zu seinen Markenzeichen. Seine Aufarbeitung der Erfahrungen von 1922 sind kein all umfassendes Epos, sondern eine subjektive Schilderung, die dennoch Allgemeing\u00fcltigkeit erreicht, und zwar durch ihren Erz\u00e4hlstil.<\/p>\n<p>Im Vorwort zur 5. Auflage wird eine These entwickelt, warum das Werk nach dem 2. Weltkrieg eine bemerkenswerte Aktualit\u00e4t erhalten hat: Es handle sich um eine Wiederholung der Geschichte, um eine Aufteilung in T\u00e4ter und Opfer, um dieselben Ph\u00e4nomene in den von Hitler-Deutschland besetzten L\u00e4ndern. Es sei ein Buch der Sklaverei und des Schmerzes, aber auch der menschlichen Solidarit\u00e4t, eine beispielhafte Erz\u00e4hlung, das durch seine Schlichtheit und das Fehlen jedes \u00fcberfl\u00fcssigen Kommentars bewegt, durch die Genauigkeit der Beschreibung, fern von Hass und Rhetorik. T\u00e4ter und Opfer werden ohne Vorurteile und ohne Aggression und Wut dargestellt. Es wird der Aspekt des Buches hervorgehoben, der es \u00fcber einen Augenzeugenbericht eines historischen Ereignisses, \u00fcber die Beschreibung von Kriegsereignissen hinaushebt.<\/p>\n<p>Im Vorwort des Autors zur 2. Auflage 1945 hei\u00dft es, das Buch sei mit Blut geschrieben, es sei dem k\u00f6rperlichen Schmerz, nicht dem seelischen des gequ\u00e4lten menschlichen K\u00f6rpers gewidmet. \u201eEs gibt nichts Tieferes und Heiligeres als einen geschundenen K\u00f6rper.\u201c Diese Aussage scheint darauf hinzudeuten, dass Venesis das M\u00e4rtyrertum auf der Ebene des geschundenen, sterblichen Leibes abhandelt, die Seele w\u00e4re also unantastbar, da unsterblich.<\/p>\n<p>Venezis schrieb dieses Vorwort 21 Jahre nach der ersten Fassung von 1924, die er 1931 f\u00fcr die Buchpublikation \u00fcberarbeitet hat. Seitdem habe er den Text nicht mehr in der Hand gehabt, da ihm das Schreiben sehr nahe gegangen sei. Dieses dichte und bittere Material, das nach einem sprachlichen Ausdruck suchte, habe ihn sehr mitgenommen. Verfolgt von Alptr\u00e4umen und Erinnerungen, konnte er damals auch im Schlaf keine Ruhe finden. Das Leben verlange nach Vergessen, daher habe er nicht mehr gewagt, das Buch anzusehen.<\/p>\n<p>Aber durch die neuen Leiden im Zuge des 2. Weltkriegs, die deutsche Besatzung im Fr\u00fchling und Sommer 1944 wurden die alten Geschichten und die Erfahrungen der Jugend wieder aktuell. Die Vorgeschichte zu \u201eNoumero\u201c, das Buch \u201e\u00c4olische Erde\u201c, entstand mitten in den Kriegsjahren des 2. Weltkriegs, darin habe sich die Sehnsucht nach dem Frieden, nach der G\u00fcte im Menschen ausgedr\u00fcckt, es sei ein einfaches Buch \u00fcber gute Menschen. Unmittelbar danach habe er \u201eNoumero\u201c noch einmal \u00fcberarbeitet, sich noch einmal dem Schmerz und der Trauer gestellt. Und nach den Ereignisssen von 1944 (B\u00fcrgerkrieg) und nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde ihm klar, wie gro\u00df die stilistische und emotionale N\u00e4he seines Erstlings zu den Kriegserfahrungen zwanzig Jahre sp\u00e4ter war. Das Buch sei jahrelang von der Zensur verboten gewesen und habe jetzt das traurige Privileg, erneut nach einem gro\u00dfen Krieg zu erscheinen (nach 3maliger Bearbeitung durch den Autor). Bildete damals das Buch den Protest eines unerfahrenen Kindes gegen den Krieg, so bilde es jetzt den Protest eines erwachsenen Menschen.<\/p>\n<p>Das Buch besteht aus genau 20 Kapiteln, jedes davon ist mit einem Motto versehen, das aus einem Bibelzitat aus dem Buch der Psalmen besteht. Damit wird die Aussage aus dem Vorwort unterstrichen: \u201eEs gibt nichts Tieferes und Heiligeres als einen geschundenen K\u00f6rper.\u201c Das k\u00f6rperliche (und seelische) Martyrium f\u00fchrt zur Erl\u00f6sung. Schon der Anfang des Textes, erst der Psalm, dann die Aussage: \u201e1922. Anatolien war so s\u00fc\u00df \u2013 wie f\u00fcr ein Sonett oder etwas von der Art. Alles in der Natur war sanft und mild in diesem Herbst\u201c \u00fcberf\u00fchrt Realit\u00e4t in Fiktionalit\u00e4t, in das Formenreich der Literatur. Das Liedhafte wird betont durch Psalm und Sonett.<\/p>\n<p>Dann folgen die Fakten: \u201eDer Feind hatte Aiwali, unsere Heimatstadt, besetzt. Im Hafen ankerten Dampfer mit amerikanischen Flaggen. Befehl: Frauen und Kinder sollten als unbrauchbare Ware nach Griechenland verfrachtet werden. Aber die M\u00e4nner von achtzehn bis f\u00fcnfundvierzig sollten ins Landesinnere kommen, als Sklaven in den Arbeitsbataillonen.\u201c<\/p>\n<p>Der Feind wird nicht benannt, wird sozusagen verallgemeinert. Auch Freund und Feind, so wie T\u00e4ter und Opfer sind reziproke, austauschbare Inhalte, \u201eunbrauchbare Ware\u201c und \u201eSklaven\u201c: Eine unbrauchbare Ware ist \u00f6konomisch uninteressant, ist f\u00fcr den Handel nicht geeignet, hat keinen Wert mehr. Der Mensch verkommt zur Ware in den Kriegsh\u00e4ndeln, die gegen nichts mehr eingetauscht werden kann. Der Autor schreibt ein paar Abs\u00e4tze weiter unten: \u201eIch war gerade achtzehn Jahre alt, keine Fracht f\u00fcr Griechenland, nicht ein Kilo, nicht einmal ein Gramm \u201everdorbener Ware\u201c \u2013 nichts.\u201c Er wird au\u00dferdem zum Sklaven, zum rechtlosen Wesen, das keinen Namen mehr hat, keine Kleidung, keine Identit\u00e4t. Daher wird die \u201eNummer\u201c so wichtig f\u00fcr die Sklaven, denn sie verspricht B\u00fcrokratie. Die Nummer beweist meine Existenz. Ich habe eine Nummer, also bin ich. Der Glaube an die B\u00fcrokratie, nicht als Dehumanisierung, sondern als Rettungsanker, als Lebensquell, als Existenzbeweis versetzt Berge. Diese Sklaven wollen nichts wissen von einer B\u00fcrokratie der Vernichtung und des Todes, sondern sie klammern sich an die rechtsstaatliche B\u00fcrokratie, die alles aufschreibt und katalogisiert, bei der nichts und niemand verloren geht.<\/p>\n<p>Elias wird gefangengenommen, seine Mutter besucht ihn. Ich m\u00f6chte Ihnen diese universelle Szene in der Verfilmung von Nikos Koundouros zeigen. Der griechische Filmemacher Nikos Koundouros, geb. 1926 auf Kreta, hat eine sehr ausgepr\u00e4gte Filmsprache. 1963 erhielt er f\u00fcr seinen Film \u201eMikres Aphrodites\u201c den Silbernen B\u00e4ren der Berlinale. 1978 hat er den Film \u201e1922\u201c gedreht, der Venesis\u00b4 Roman als Vorlage nimmt. Anders als Venesis\u00b4 Erz\u00e4hlung spielt der Film sehr lange in der Stadt (Ayvalik\/Smyrna) und f\u00e4ngt das dortige Leben und die Beziehungen zwischen T\u00fcrken und Griechen ein, bevor der Marsch der Gefangenen ins Landesinnere beginnt. Au\u00dferdem schildert der Film nur den Marsch und nicht das Lagerleben. Auff\u00e4llig ist, dass die \u201epositiven\u201c Szenen fehlen, in denen auch der \u201eFeind\u201c ein menschliches Antlitz zeigt. Der Abschied von der Mutter ist auch im Buch eine Schl\u00fcsselszene, jedoch mit anderem Text.<\/p>\n<p>Der Zufall als Auswahlprinzip: Venesis thematisiert den Aspekt, der in der Lager-Literatur immer wieder zur Sprache kommt: Die Irrwitzigkeit des Zufalls, der \u00fcber Leben oder Tod entscheidet. Ein Soldat w\u00e4hlt Gefangene aus, die sofort get\u00f6tet werden. S. 26: \u201eEinen Augenblick lang fragte ich mich, ob er Junge oder Alte ausw\u00e4hle.\u201c Der Ich-Erz\u00e4hler glaubt also noch an Logik, an Vernunft. \u201eAber ich sah, dass er zugriff, wie es gerade kam, aus allen Altersstufen. Inzwischen war das Licht angekommen. Es hielt vor mir. Ich f\u00fchlte mich mit meinen jungen Jahren unbesch\u00fctzt, so Brust an Brust mit der Gefahr. Mein Atem stockte. Der Offizier streckte seine Hand aus, um mich hervorzuzerren. Aber in eben diesem Augenblick, einem Nichts von einem Augenblick, stolperte er in seiner Trunkenheit. Er lachte, versuchte das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Aber bei dieser Bewegung verlagerte sich seine Stellung um ein paar Zentimeter, ein paar nichtige Zentimeter. Seine Hand fiel stracks auf den Kapit\u00e4n neben mir. Ich atmete tief auf. In mir herrschte eine harte Freude, eine so harte und grausame Freude\u2026\u201c<\/p>\n<p>Der Zufall hat dem Ich-Erz\u00e4hler das Leben geschenkt. Logik und Vernunft sind au\u00dfer Kraft gesetzt. Der Ich-Erz\u00e4hler freut sich \u00fcber das Ungl\u00fcck, \u00fcber den Tod des Anderen, weil es f\u00fcr ihn Leben bedeutet. Die Dehumanisierung schreitet fort. Eine Rehumanisierung findet erst sp\u00e4ter statt, und zwar durch die erz\u00e4hlerische Ironie, durch den distanzschaffenden sp\u00f6ttischen, humorvollen Blick, den sich der Ich-Erz\u00e4hler selbst in den schlimmsten Stunden bewahren kann. Genau dieser Blick ist es, der \u201eNoumero\u201c zu einem die Zeiten \u00fcberdauernden Kunstwerk macht und \u00fcber einen \u201enormalen\u201c Zeugenbericht hinaushebt.<\/p>\n<p>Der Marsch zu den Arbeitsbataillonen wird zum Todesmarsch. Der Tod kann jederzeit eintreten, er wird allgegenw\u00e4rtig, er folgt keinen Regeln, keiner Logik. Es folgt das auch aus der KZ-Literatur bekannte Entkleiden und Ablegen jeden pers\u00f6nlichen Besitzes als Schritt zur Dehumanisierung, zur Verwandlung in \u201everdorbene Ware\u201c:<\/p>\n<p>\u201eTsikar (Ausziehen), sagten die Soldaten und zeigten auf unsere M\u00e4ntel. Ich verstand es nicht, sah aber, wie die anderen beiden neben mir sich auszogen. Da begann auch ich. Tsikar, Tsikar, riefen die Soldaten in einem fort. Wir zogen stumm die Jacken, dann die Hosen, die Stiefel, die Socken aus. Als wir nur noch Unterhemd und Unterhose anhatten, stie\u00df man uns zu den andern wei\u00dfen Schatten, die weiter dr\u00fcben murmelten. Ich war ganz erledigt, wusste nicht mehr, was ich war. (\u2026) Etwa eine Stunde dauerte die Geschichte mit dem \u201eTsikar\u201c. Alle Gef\u00e4hrten wurden ausgezogen, der Kleider, Decken, aller Habseligkeiten entbl\u00f6\u00dft. Wir brachen auf. Es d\u00e4mmerte. Nur einer kam nicht mit uns, der Pepas. Zwei Soldaten blieben bei ihm. Es verging etwa eine Stunde, in der wir standen und warteten. Die zwei Soldaten kehrten alleine zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Venesis-Boten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1079\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Venesis-Boten.jpg\" alt=\"venesis-boten\" width=\"137\" height=\"200\" \/><\/a>Die Gefangenen sind zu Gef\u00e4hrten geworden, zu Kameraden, die ein gemeinsames Schicksal teilen. Zuvor Unbekannte haben nun etwas Gemeinsames, alle sind Sklaven geworden, alle sind gleich. Das fremde, unverst\u00e4ndliche Wort Tsikar, zun\u00e4chst zwei unverst\u00e4ndliche Silben, die nichts bedeuten, wird auf einmal semantisch aufgeladen. Aus der Reaktion auf die unverst\u00e4ndlichen Laute erschlie\u00dft sich die Bedeutung f\u00fcr den Ich-Erz\u00e4hler. Entkleidet jeder Pers\u00f6nlichkeit, wei\u00df er nicht mehr, wer er ist, auch nicht mehr, ob Mann oder Frau. Als rechtloser Gefangener ist er kein Mann mehr, sondern wird begehrt wie eine Frau, wird verf\u00fcgbar und verletzbar. Die Androhung von Vergewaltigungen sorgt f\u00fcr eine Gleichstellung der Geschlechter. Der Ich-Erz\u00e4hler und sein Freund erstarren vor Angst, als ihnen dies bewusst wird:<\/p>\n<p>\u201eDer Arjiris verstand alles, weil er t\u00fcrkisch konnte. Aber auch ich ahnte, was sie sagten. Er lag so dicht bei mir, dass ich sein Herz ganz rasch schlagen h\u00f6rte. Er klammerte sich an mich. <em>Elias<\/em>, sagte er ersch\u00fcttert. <em>Nein, nein, nur das nicht<\/em>. Auch ich war vor Angst in Schwei\u00df gebadet. \u201eDas\u201c hatte ich nicht bef\u00fcrchtet, nicht geahnt. Mit einem Male erinnerte ich mich einer Reihe von Geschichten, die ich dar\u00fcber geh\u00f6rt hatte. Und pl\u00f6tzlich loderte der Stolz wie eine Flamme in dem gedem\u00fctigten Tiere auf. Etwas wie W\u00fcrde bei allem Schmutz und aller Nacktheit, trotz aller Tr\u00e4nen \u2013 es war geradezu komisch. <em>Nein, Arjiris, lieber sterben. Ich werde alles versuchen, um zu sterben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die jungen M\u00e4nner haben Gl\u00fcck, denn die Soldaten ziehen die Frauen vor. Eine der ersch\u00fctterndsten Szenen des Buches entwickelt sich in Kap. 4: die Vergewaltigung einer jungen Mutter in einer Kirche. Die Gefangenen werden Zeugen, sind wie magisch angezogen vom Geschehen. Diese erste Vergewaltigung dehumanisiert die Frau, die erst danach wieder rehumanisiert wird:<\/p>\n<p>\u201eInzwischen begann die Frau wieder zu sich zu kommen. Sie verlangte nach ihrem Kindchen. Sie beugte sich \u00fcber das Kind wie ein riesiger Vogel und wandte ihr Gesicht dem Dunkel zu. So abgewandt, voller Scham, begann sie wieder sanft, menschlich, fast kultiviert zu weinen. Auch der letzte Gef\u00e4hrte war von ihrer Seite gewichen. Nur ich und der Arjiris bleiben dort, aufrecht stehend. Da sah ich, wie er sich sehr taktvoll \u00fcber sie beugte, seine Hand zaghaft auf ihre Schulter legte; kaum, dass er sie ber\u00fchrte. <em>Weinen Sie nicht\u2026<\/em>, sagte er ihr. <em>Weinen Sie nicht\u2026,<\/em> so \u2013 im Plural. Aber diese unerwartete H\u00f6flichkeit versetzt ihr einen solchen Schock, dass die Tr\u00e4nenstr\u00f6me erneut hervorbrachen.\u201c<\/p>\n<p>Die Vergewaltigungen der weiblichen Gefangenen werden systematisch betrieben und verschaffen den anderen eine Verschnaufpause, daher werden sie mittlerweile herbeigesehnt. Alle menschlichen Verhaltensweisen werden fallen gelassen, jeder schaut auf sich selbst, beispielhaft gezeigt an dem oben erw\u00e4hnten kleinen Kind, das den Gefangenen aufgeb\u00fcrdet wird und von keinem gerne \u00fcbernommen wird. Wut und Hass w\u00e4chst in den gequ\u00e4lten Herzen. Um selbst davonzukommen, nimmt man auch den Tod des Kindes billigend in Kauf. Ja, auch die Frauen unter den Gefangenen bieten sich selbst den Soldaten an, um sich und den anderen eine Ruhepause zu verschaffen. Eine Gefangene versucht, das Begehren des Offiziers zu sch\u00fcren: \u201eUnser aller Augen blickten gebannt dorthin nach der Krake, die sich unaufh\u00f6rlich regte, seine Schenkel strich und schmeichelte und flehte. Auch wir bewegten unbewusst unsere H\u00e4nde, wie um jene H\u00e4nde zu verst\u00e4rken, damit sie nicht nachlie\u00dfen. Denn die Szene war sch\u00f6n und heilig \u2013 darum.\u201c<\/p>\n<p>Freundschaften entstehen unter den Gefangenen, sobald der Marsch zu Ende ist und zwischenmenschliche Bed\u00fcrfnisse wieder erwachen: \u201eJeder trachtete danach, sich einem anderen anzun\u00e4hern \u2013 wir beschnupperten uns wie die Tiere, die eine Witterung haben. Es war eine Ann\u00e4herung voller Zur\u00fcckhaltung und voller Furcht; so kommen wilde Tiere nachts vorsichtig aus ihren H\u00f6hlen, weil sie hungern, so voller Unruhe\u201c.<\/p>\n<p>Das Feind-Schema wird aufgebrochen, menschliche Kontakte zw. T\u00e4tern und Opfern entstehen: S. 113-4 Es entsteht so etwas wie \u201eGl\u00fcck\u201c: ein alter T\u00fcrke gibt den Gefangenen Tabak. Eine alte Frau bringt Brot und Quitten, sie spricht mit Elias wie eine Mutter zu ihrem Sohn. Ein junger Arzt, dessen Mutter, wie \u2013 sich herausstellt \u2013 von den Griechen umgebracht wurde, nimmt den fieberkranken Elias als \u00dcbersetzer zu sich und behandelt ihn gut. Es entsteht eine Beziehung zwischen beiden, die (was ich als \u00dcbersetzerin bes. faszinierend finde) auf der Basis des \u00dcbersetzens: \u201eEr hatte einige franz\u00f6sische Gebrauchsanweisungen f\u00fcr Medikamente. Es war ihm nicht leicht, sie richtig zu interpretieren. Auch nicht mit dem Lexikon, denn er brachte die Tempora durcheinander und konnte den Infinitiv nicht finden. Darin half ich ihm. Ich fand das franz\u00f6sische Wort im franz\u00f6sisch-t\u00fcrkischen Lexikon und gab ihm das entsprechende t\u00fcrk. Wort zu lesen. So arbeiteten wir stundenlang miteinander.\u201c<\/p>\n<p>Elias konnte kein T\u00fcrkisch vor seiner Gefangenschaft, d.h. f\u00fcr ihn war die Welt der anderen semantisch verschlossen. \u00dcber das Franz\u00f6sische, das der Grieche und der T\u00fcrke nur radebrechend sprechen, entsteht eine Br\u00fccke der Kommunikation. Der junge t\u00fcrkische Arzt ist neu an dem Ort und daher offen f\u00fcr neue Beziehungen. F\u00fcr Elias er\u00f6ffnet sich eine neue Welt, erst mit der Erfahrung der Verschleppung beginnt er, die anderen auch sprachlich wahrzunehmen. Was Griechen und T\u00fcrken eint, ist ihre gemeinsame Abneigung gegen\u00fcber den Armeniern.<\/p>\n<p>Ein Element, das dieses Buch so lesbar macht, ist der Sinn f\u00fcr das Absurde und der Humor, der auch in der unmenschlichsten Lage \u00fcberlebt. So kommt es zu einer Episode mit (selbsternannten) W\u00fcnschelruteng\u00e4ngern, die in einem Dorf die Wasseradern finden sollen und dies auch mit viel Hokuspokus schaffen. Oder einer, der sich als Narr geriert, verschafft den Zwangsarbeitern eine Ruhepause, indem er umst\u00e4ndlich einen eitlen Soldaten malt.<\/p>\n<p>S. 133-4 (von 237 im dt. Text) kommt zum ersten Mal die Rede auf die f\u00fcr das Buch namensgebende \u201eNummer\u201c, als freigesprochene Kriegsgefangene aus Smyrna eintreffen, die blecherne Schildchen mit einer Schnur am Handgelenk tragen, die eine t\u00fcrkische Zahl tragen. Sie erz\u00e4hlen, sie seien registriert worden, und den anderen will diese Registierung wie eine Lebensversicherung erscheinen, denn dann kann man nicht so schnell verschwinden, sondern ist in einem b\u00fcrokratischen Prozess eingebunden, es wird Rechenschaft abgelegt, wenn man zugrunde geht. Wenn die Nummer zugeteilt wird, endet die Angst. S. 152 wird endlich die ersehnte Nummer 31328 zugeteilt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Venesis_Buecher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1101 size-full\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Venesis_Buecher.jpg\" width=\"1024\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Venesis_Buecher.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Venesis_Buecher-300x176.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Venesis_Buecher-768x450.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Doch auch die Solidarit\u00e4t unter den Gefangenen ist nicht l\u00fcckenlos, auch hier gibt es Ausnahmen, die auf Kosten der anderen versuchen, sich durchzuschlagen. Ein Musterbeispiel daf\u00fcr bilden \u2013 aus der Lagerliteratur bekannt \u2013 die Kapos, in diesem Fall t\u00fcrkisch sprechende Griechen, die nicht arbeiten m\u00fcssen, sondern die Aufsicht f\u00fchren: \u201eIn diese Stellen gelangten, wie es immer geschieht, die Verschlagensten. Griechen und Armenier. Sie l\u00f6sten sich sofort aus der dichten Masse, die wir waren \u2013 wie alten Krusten, die nicht mehr haften wollen, von der Haut. Um sich beim Bataillon beliebt zu machen, saugten sie uns bei der Arbeit aus. Sie f\u00fcrchteten weder Gott noch Teufel. Des Abends machten sie Meldung: Das und das geschah. Das Bataillon sagte dazu bravo.\u201c Einer der Kapos geht sogar so weit, die ihm unterstellten Sklaven zum Abschlachten weiterzuverkaufen. So ist ein ganzer Zug in der Nacht verschwunden, ohne wiederzukehren.<\/p>\n<p>Die Arbeitskr\u00e4fte werden im Umland vermietet und f\u00fcr Infrastrukturarbeiten eingesetzt. Wie in anderer Lagerliteratur auch wird die Rationierung und Qualit\u00e4t des Essens thematisiert. S. 171 wird ein Massengrab entdeckt, wo M\u00e4nner, Frauen und Kinder als Vergeltungsma\u00dfnahme umgebracht wurden. Zum ersten Mal ist die Rede von einem Gefangenen-Austausch, der den Zwangsarbeitern jedoch nur als K\u00f6der hingehalten wird, aus Bosheit. Die Sklaven m\u00fcssen bei der Wildschweinjagd als Treiber dienen. Im Lager entwickeln sich menschliche Beziehungen und Freundschaften. Namen und Nummern werden egal, nur das Herz z\u00e4hlt und verbindet. S. 187: \u201eDas Lager organisierte sich immer mehr. Wir waren, sozusagen, ein kleiner Staat.\u201c Und dieser Staat teilt sich in das Volk, die Arbeiter, und in die Aristokratie, die Kollaborateure, die Kapos und Unteraufseher unter den Sklaven, die von den Bauern geschmiert werden, bei denen Frondienst ansteht. Die Kapos beginnen, die Arbeiter auszubeuten, indem sie Kantinen er\u00f6ffnen und den Arbeitern das Geld aus der Tasche ziehen. Elias verweigert sich, als der schlimmste Kapo ihn als Dienstburschen und Leibkoch engagieren will. Daraufhin wird Elias von Kapo-Michal besonders geschunden. Die Kapos haben sich eine neue Methode der Ausbeutung ausgedacht: Sie kn\u00f6pfen den Arbeitern ihre Erspartes ab, indem sie ihnen versprechen, sie vor einem Transport ins Landesinnere zu bewahren.<\/p>\n<p>Im Lager bilden sich neue Solidarit\u00e4ten. Die t\u00fcrkischen Soldaten, ehemalige Deserteure, die zur Bewachung der Gefangenen abgestellt wurden, fordern auf Anraten der Gefangenen ihre Papiere, nachdem sie schon weit \u00fcber ihre Zeit gedient haben. Nachdem sie f\u00fcr ihre Anma\u00dfung ausgepeitscht wurden, f\u00fchlen sie sich solidarisch mit den Sklaven und n\u00e4hern sich ihnen immer mehr an. Aus \u201eEsir\u201c, dem Kriegsgefangenen, wird \u201eArkadasch\u201c, der Kamerad.<\/p>\n<p>Nachdem die Sklaven eine Schlucht mit Gebeinen r\u00e4umen mussten, damit eine Kontrolle des Lagers durch einen spanischen Abgesandten ohne Zwischenf\u00e4lle verl\u00e4uft, spotten sie \u00fcber den D\u00fcnger, der irgendwann aus diesen Knochen gewonnen und teuer verkauft wird. Ebenso wird der Spanier Ziel des Spottes: \u201eDie \u201eFigur\u201c, der Spaniole, machte eine rasche Runde bei den Sklaven, trug verschiedene Orden, war wie ein nasses Masthuhn, so schwitzte er. Er wischte sich die Backen ab und sagte, w\u00e4hrend ihm der Schwei\u00df niederrann: Oui bien, oui bien. Ja, gut, ja, gut.\u201c Was sofort zum gefl\u00fcgelten Wort unter den Gefangenen wird.<\/p>\n<p>Das Geschichtenerz\u00e4hlen wird zum Fluchtpunkt f\u00fcr die Gefangenen, die seelischen Traumata werden sp\u00fcrbar, der angestaute Hass findet keinen Ausweg, die Gedankenspiele werden zur Obesession. So sagt der Ich-Erz\u00e4hler: \u201eWenn wir je aus den Arbeitsbataillonen der Sklaven entkommen, so hoffe ich, dass wir die kritischsten Gehirne von der Welt sein werden.\u201c<\/p>\n<p>Als t\u00fcrkische Kriegsgefangene aus Griechenland im Zuge des Bev\u00f6lkerungsaustausches ins Lager kommen, entsteht bald ein Gef\u00fchl der menschlichen Solidarit\u00e4t, da beide Gruppen dasselbe Schicksal teilen, n\u00e4mlich aus der Heimat entwurzelt zu sein. Die Kinder der t\u00fcrkischen Gefangenen werden von den Griechen \u201eadoptiert\u201c, gef\u00fcttert und betreut. Einen tragischen H\u00f6hepunkt erf\u00e4hrt die Geschichte, als Elias\u00b4 bester, v\u00e4terlicher Freund Miltos stirbt.<\/p>\n<p>Am Schluss des Textes, als sie mit dem Dampfer unterwegs in die Freiheit sind, muss Elias einem anderen Freund die bittere Wahrheit offenbaren, die er ihm die ganze Zeit erspart hatte, n\u00e4mlich, dass seine Familie nicht \u00fcberlebt hat. Der Text endet mit dem Morgengrauen und der Gewissheit, dass bald ein neuer Tag anbricht und ein neues Leben beginnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u03a3\u03c4\u03b7\u03bd \u03b7\u03bc\u03b5\u03c1\u03af\u03b4\u03b1 \u00abDas Unsagbare schreiben. Prosa \u00fcber V\u00f6lkermord. 11.-13. Oktober 2013\u00bb \u03bc\u03b5 \u03b8\u03ad\u03bc\u03b1 \u03c4\u03b7\u03bd \u03ad\u03bd\u03bd\u03bf\u03b9\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b3\u03b5\u03bd\u03bf\u03ba\u03c4\u03bf\u03bd\u03af\u03b1\u03c2 \u03c3\u03c4\u03b7 \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1, \u03c0\u03bf\u03c5 \u03ad\u03bb\u03b1\u03b2\u03b5 \u03c7\u03ce\u03c1\u03b1 \u03c3\u03c4\u03bf\u03bd \u03bf\u03c1\u03b3\u03b1\u03bd\u03b9\u03c3\u03bc\u03cc Evangelischen Bildungsst\u00e4tte am Schwanenwerder \u03c4\u03bf\u03c5 \u0392\u03b5\u03c1\u03bf\u03bb\u03af\u03bd\u03bf\u03c5, \u03b7 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03c0\u03b1\u03c1\u03bf\u03c5\u03c3\u03af\u03b1\u03c3\u03b5 \u03c3\u03c4\u03b7 \u03b4\u03b9\u03ac\u03bb\u03b5\u03be\u03ae \u03c4\u03b7\u03c2 \u03c4\u03bf &hellip; <a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/elias-venesis-enilikiosi-ypo-ti-skia-tou-thanatou\/\" class=\"more-link\">\u03a3\u03c5\u03bd\u03b5\u03c7\u03af\u03c3\u03c4\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u03b1\u03bd\u03ac\u03b3\u03bd\u03c9\u03c3\u03b7 <span class=\"screen-reader-text\">\u039f \u0397\u03bb\u03af\u03b1\u03c2 \u0392\u03b5\u03bd\u03ad\u03b6\u03b7\u03c2 \u03c3\u03c4\u03b1 \u03b3\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac: \u03a4\u03bf \u039d\u03bf\u03cd\u03bc\u03b5\u03c1\u03bf 31328<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,53,50,52],"tags":[725,726,727,728,729,730,731,732,733,734,701,735,67,736,737,738],"class_list":["post-1095","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genikou-endiaferontos","category-ekdiloseis","category-logotechnia","category-metafrasi","tag-aeolische-erde-el","tag-armenien-el","tag-elias-venesis-el","tag-friede-in-attischer-bucht-el","tag-genozid-el","tag-griechen-el","tag-griechentum-el","tag-griechisch-tuerkische-beziehungen-el","tag-kleinasiatische-katastrophe-el","tag-kleinasiatischer-feldzug-el","tag-kleinasien-el","tag-lagerliteratur-el","tag-roman-el","tag-todesmarsch-el","tag-uebersetzung-ins-deutsche-el","tag-voelkermord-el"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1095"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1095\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1084"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}