{"id":1199,"date":"2016-11-23T12:45:18","date_gmt":"2016-11-23T11:45:18","guid":{"rendered":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/?p=1199"},"modified":"2016-11-23T23:14:31","modified_gmt":"2016-11-23T22:14:31","slug":"parthenonas-und-vrovrona-protokolla-oneiron-seferi-elyti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/parthenonas-und-vrovrona-protokolla-oneiron-seferi-elyti\/","title":{"rendered":"\u03a0\u03b1\u03c1\u03b8\u03b5\u03bd\u03ce\u03bd\u03b1\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u0392\u03c1\u03b1\u03c5\u03c1\u03ce\u03bd\u03b1: \u03c0\u03c1\u03c9\u03c4\u03cc\u03ba\u03bf\u03bb\u03bb\u03b1 \u03bf\u03bd\u03b5\u03af\u03c1\u03c9\u03bd \u03c4\u03bf\u03c5 \u03a3\u03b5\u03c6\u03ad\u03c1\u03b7 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c4\u03bf\u03c5 \u0395\u03bb\u03cd\u03c4\u03b7"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u03a3\u03c4\u03bf\u03bd \u03b1\u03c5\u03c4\u03bf\u03c0\u03c1\u03bf\u03c3\u03b4\u03b9\u03bf\u03c1\u03b9\u03c3\u03bc\u03cc \u03c4\u03b7\u03c2 \u03c3\u03cd\u03b3\u03c7\u03c1\u03bf\u03bd\u03b7\u03c2 \u03bd\u03b5\u03bf\u03b5\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03c0\u03bf\u03bb\u03b9\u03c4\u03b9\u03c3\u03c4\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03c4\u03b1\u03c5\u03c4\u03cc\u03c4\u03b7\u03c4\u03b1\u03c2 \u03b7 \u03ba\u03bb\u03b1\u03c3\u03b9\u03ba\u03ae \u03c0\u03b1\u03b9\u03b4\u03b5\u03af\u03b1 \u03c0\u03b1\u03af\u03b6\u03b5\u03b9 \u2013\u03b4\u03b9\u03cc\u03bb\u03bf\u03c5 \u03c0\u03b1\u03c1\u03ac\u03be\u03b5\u03bd\u03bf\u2013 \u03ad\u03bd\u03b1\u03bd \u03b5\u03be\u03ad\u03c7\u03bf\u03bd\u03c4\u03b1 \u03c1\u03cc\u03bb\u03bf. \u0393\u03b9\u03b1 \u03bc\u03b9\u03b1 \u03bb\u03b5\u03c0\u03c4\u03bf\u03bc\u03b5\u03c1\u03ad\u03c3\u03c4\u03b5\u03c1\u03b7 \u03b5\u03be\u03ae\u03b3\u03b7\u03c3\u03b7 \u03b7 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03b4\u03b5\u03bd \u03b1\u03c0\u03b1\u03c1\u03b9\u03b8\u03bc\u03b5\u03af \u03c4\u03b9\u03c2 \u03b1\u03c1\u03c7\u03b1\u03af\u03b5\u03c2 \u03b5\u03c0\u03b9\u03c1\u03c1\u03bf\u03ad\u03c2 \u03c3\u03c4\u03bf \u03ad\u03c1\u03b3\u03bf \u03bf\u03c1\u03b9\u03c3\u03bc\u03ad\u03bd\u03c9\u03bd \u039d\u03b5\u03bf\u03b5\u03bb\u03bb\u03ae\u03bd\u03c9\u03bd \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03ad\u03c9\u03bd, \u03b1\u03bb\u03bb\u03ac \u03ba\u03ac\u03bd\u03b5\u03b9 \u03c7\u03c1\u03ae\u03c3\u03b7 \u03bc\u03b9\u03b1\u03c2 \u03bc\u03ac\u03bb\u03bb\u03bf\u03bd \u03b1\u03c3\u03c5\u03bd\u03ae\u03b8\u03b9\u03c3\u03c4\u03b7\u03c2 \u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2, \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b1\u03bd\u03ac\u03bb\u03c5\u03c3\u03b7\u03c2 \u03c4\u03c9\u03bd \u03bf\u03bd\u03b5\u03af\u03c1\u03c9\u03bd.<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl Giorgos Seferis als auch Odysseas Elytis haben \u2013 zum Teil recht intime \u2013 Traumprotokolle verfertigt und sich nicht gescheut, sie dem Licht der \u00d6ffentlichkeit auszusetzen. Elytis fasste in seinem 1974 erschienenen Essayband \u00abMit offenen Karten\u00bb \u00fcber zwanzig ausf\u00fchrliche Tr\u00e4ume in einem eigenen Kapitel zusammen und \u00e4u\u00dferte sich auch an anderen Stellen zur Rolle der Tr\u00e4ume in der Psychoanalyse und im Surrealismus, wo der Traum als poetisches Rohmaterial betrachtet wurde. Seferis notierte eine Reihe von Tr\u00e4umen in seinen Tageb\u00fcchern und ver\u00f6ffentlichte 1970 ein Essay \u00fcber Artemidoros von Daldis und seine Symbolik der Tr\u00e4ume. Darin erweist er den beiden Eckpfeilern in der Entwicklung der Traumdeutung seine Reverenz: Artemidoros aus dem 2. Jhdt unserer Zeitrechnung und Sigmund Freud, der im Jahr 1900 sein bahnbrechendes Werk \u00fcber die Entdeckung der geheimen Bedeutung der Tr\u00e4ume und damit des Unbewussten publizierte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1196\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_2.jpg\" alt=\"Traeume_1\" width=\"1024\" height=\"798\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_2.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_2-300x234.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_2-768x599.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Seferis verfasst in seinem Essay \u00fcber Artemidoros einen Traumbericht, eine Hommage an den zweiten gro\u00dfen Traumforscher nach dem Daldianer: In diesem Traum befindet er sich auf der Akropolis in einer unbestimmten Zeit in der Zukunft; ein Gef\u00fchl der Fremdheit beschleicht ihn, so als k\u00e4me er aus einer fernen Vergangenheit; eine aufgeregte Menschenmenge vor der Westseite des Tempels, die fasziniert auf die mittleren S\u00e4ulen des Parthenon starrt, verh\u00f6hnt ihn vulg\u00e4r, als er fragt, was vorgehe. Eine Versteigerung sei im Gange, die alten Steine w\u00fcrden \u2013 ein genialer Handstreich der Regierung \u2013 unter den Hammer kommen. Seferis verwendet hier das italienische Wort <em>genio<\/em>, um die Geistesgr\u00f6\u00dfe der politischen Macht zu kennzeichnen.<\/p>\n<p>Wenn sich die Vertreter der amerikanischen Zahnpastafirma durchsetzten, dann sei das griechische Staatsbudget auf Jahrzehnte hinaus gerettet. Seferis fragt naiv, was sie denn mit dem Parthenon anfangen w\u00fcrden. Die Menge informiert ihn, dass die Amerikaner \u2013 ihrem Ruf als Verkaufsgenies gerecht werdend \u2013 den S\u00e4ulen die Form von Zahnpastatuben verleihen wollten. Die Menge um Seferis ebbt zur\u00fcck, er f\u00fchlt sich mutterseelenallein. Er erblickt in einer Vision den Parthenon gr\u00e4sslich entbl\u00f6\u00dft, ohne Giebel und ohne Gesims, mit den gl\u00e4nzend behauenen S\u00e4ulen in Gestalt riesiger Zahnpastatuben. Seferis schreckt um 5 Uhr morgens schreiend aus diesem Angsttraum auf.<\/p>\n<p>Seferis unternimmt keine eigene Interpretation dieses Traumgebildes. Es ist auch f\u00fcr den Laien unschwer nach der Systematik von Artemidoros als <em>ephialtes<\/em>, einer Untergattung der <em>phantasmata<\/em>, also einer Steigerung ins Phantastisch-Verzerrte, zu erkennen. Seferis schl\u00e4gt in seinem Text \u00fcber den Traum und seine Deutung eine Br\u00fccke zwischen der Antike und der Moderne, indem er Artemidoros\u00b4 Traumsymbolik mit der Entdeckung des Unbewussten um die Jahrhundertwende verkn\u00fcpft. Der Parthenon tritt als Topos der Moderne und entr\u00fcckte Vision der Antike auf.<\/p>\n<p>Der Traum und seine Protollierung als literarische Technik der Moderne (Romantik, Surrealismus) wird f\u00fcr die Aufrufung und zugleich Entr\u00fcckung des antiken Erbes eingesetzt. Das \u00fcberm\u00e4chtige Finanzkapital begr\u00e4bt das geistige Kapital unter sich; den Nachfahren wird alptraumartig ihre Tradition und Geschichte enteignet. Seferis ist in der jubelnden Masse, die den alten Steinen nicht mehr als eine Handvoll Dollar abgewinnen kann, zur l\u00e4hmenden Unt\u00e4tigkeit verdammt. Der neugriechische Intellektuelle steht dem Ausverkauf der Kultur des Griechentums in seiner ganzen historischen Kontinuit\u00e4t machtlos gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1194\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_1.jpg\" alt=\"Traeume_2\" width=\"1024\" height=\"775\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_1.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_1-300x227.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Tra\u0308ume_1-768x581.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Seferis erw\u00e4hnt im selben Essay Freuds Besuch der Akropolis im September 1904, den dieser in einem Text mit dem Titel \u00abErinnerungsst\u00f6rung auf der Akropolis\u00bb beschrieben hat. Auf der Akropolis wunderte sich Freud n\u00e4mlich: \u00abAlso existiert das alles wirklich so wie wir es auf der Schule gelernt haben?!\u00bb Er realisierte, dass er an der Existenz der Akropolis gezweifelt hatte. Die erwartete Reaktion jedoch h\u00e4tte nicht <em>Zweifel<\/em> , sondern <em>Erhebung<\/em> und <em>Entz\u00fcckung<\/em> sein sollen. Freud versp\u00fcrte einerseits ein <em>Entfremdungsgef\u00fchl<\/em>, \u00abwas ich da sehe, ist nicht wirklich\u00bb, das dem Ph\u00e4nomen der Verdr\u00e4ngung nahesteht, und andererseits ein Gef\u00fchl des \u00abD\u00e9j\u00e0 vu\u00bb, das eine Vereinnahmungstendenz beinhaltet. Diese Erinnerungsst\u00f6rung, diese Verf\u00e4lschung der Wahrnehmung bildet f\u00fcr Freud sogar die Vorstufe der <em>Pers\u00f6nlichkeitsspaltung<\/em>.<\/p>\n<p>Die Akropolis in den Augen von Sigmund Freud symbolisiert das antike Bildungsideal in der Wahrnehmung der europ\u00e4ischen Intellektuellen. Verdr\u00e4ngung und Vereinnahmung, Idealisierung und Entr\u00fcckung der Antike ins Unerreichbare und \u00dcberwirkliche kennzeichnen deren Standpunkt. Freud, der \u2013 wie Seferis erw\u00e4hnt \u2013 in seiner Jugend ein Tagebuch in altgriechischer Sprache f\u00fchrte, scheut vor der Einl\u00f6sung des antiken Ideals in der Wirklichkeit zur\u00fcck. L\u00e4sst sich das Verh\u00e4ltnis der europ\u00e4ischen Intelligenz zur Akropolis, sprich zur antiken Bildung, nicht auch als Erinnerungsst\u00f6rung, als Verf\u00e4lschung der Vergangenheit beschreiben?<\/p>\n<p>Odysseas Elytis hat in seinem 1974 ver\u00f6ffentlichten Essayband \u00abMit offenen Karten\u00bb tiefe Einblicke in sein Seelenleben gew\u00e4hrt. Tr\u00e4ume sind laut Elytis dem Wahn verwandt und verdr\u00e4ngt, tabuisiert, verboten worden, da sie die menschlichen Gef\u00fchle blo\u00dflegten. Elytis sucht einen Weg der Traumdeutung jenseits der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse und der Volkst\u00fcmlichkeit der popul\u00e4ren Traumdeuter. Tr\u00e4ume bilden f\u00fcr ihn \u2013 \u00e4hnlich wie f\u00fcr Seferis \u2013 eine urspr\u00fcngliche Form der Poesie, zu der jeder Zugang habe \u2013 ohne Unterschied der Herkunft und der Bildung. In seinem Text <em>Junge<\/em> <em>M\u00e4dchen<\/em> bekennt er, dass er den Ehrgeiz hatte, unter dem Einfluss der Psychoanalyse und des Surrealismus aus diesem biologischen Ph\u00e4nomen eine poetische Theorie abzuleiten.<\/p>\n<p>Bekanntlich gewann Freud seine wichtigsten Erkenntnisse durch die Deutung seiner eigenen Tr\u00e4ume. Er postulierte in seinem epochalen Werk <em>Die Traumdeutung<\/em>: \u00abAber daf\u00fcr schwingt sich im Traum die als Phantasie zu benennende T\u00e4tigkeit der Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen Ma\u00dfe ledig, zur unbeschr\u00e4nkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar die letzten Bausteine aus dem Ged\u00e4chtnis des Wachens, aber f\u00fchrt aus ihnen Geb\u00e4ude auf, die von den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, sondern auch produktiv.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_1183\" aria-describedby=\"caption-attachment-1183\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121445.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1183\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121445.jpg\" alt=\"Brauron_1\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121445.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121445-300x225.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121445-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1183\" class=\"wp-caption-text\">\u0391\u03c1\u03c7\u03b1\u03b9\u03bf\u03bb\u03bf\u03b3\u03b9\u03ba\u03cc \u039c\u03bf\u03c5\u03c3\u03b5\u03af\u03bf \u0392\u03c1\u03b1\u03c5\u03c1\u03ce\u03bd\u03b1\u03c2<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Antike versuchte der Symbolik der Tr\u00e4ume durch eine Chiffriermethode, durch Traumb\u00fccher beizukommen, die den Traum als Geheimschrift behandelten. Der Unterschied von Freuds modernem Ansatz war: Der Tr\u00e4umer deutet seinen Traum selbst, f\u00fchrt die Deutungsarbeit durch, assoziiert seine Gedanken zum Trauminhalt. Der Traum bildet eine intellektuelle Leistung, die eine Parallele zur philosophischen oder dichterischen Eingebung darstellt. Auf Freud aufbauend erkl\u00e4rte Breton in seinem ersten surrealistischen Manifest 1924: \u00abIch glaube an die k\u00fcnftige Aufl\u00f6sung dieser scheinbar so gegens\u00e4tzlichen Zust\u00e4nde von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realit\u00e4t, wenn man so sagen kann: Surrealit\u00e4t.\u00bb Elytis folgt getreu der Aufforderung Bretons, ein neues Bewusstsein durch Selbstbeobachtung zu entwickeln und den komplexen Mechanismus der Inspiration zu untersuchen. Elytis deutet jedoch seine Tr\u00e4ume nicht selbst, sondern stellt sie zur freien Disposition des Lesers.<\/p>\n<p>Der dreizehnte Traum, den Elytis protokolliert, handelt vom Heiligtum der Artemis in Brauron. Der Traum besteht aus drei Teilen: Im ersten Teil befindet sich eine Menschenmenge vor einer kleinen Eingangst\u00fcr, pl\u00f6tzlich weicht die Menge zur\u00fcck und Elytis betritt \u00fcber eine kleine Holzbr\u00fccke die antike St\u00e4tte von Brauron. Dort erblickt er zwei Gestalten, die zwischen den S\u00e4ulen wandeln: Giorgos Katsimbalis (der von Henry Miller als \u00abKoloss von Maroussi\u00bb beschriebenen Gallionsfigur der sog. \u00abGeneration der drei\u00dfiger Jahre\u00bb) und Andreas Karantonis (dem repr\u00e4sentativsten und konsequentesten Literaturkritiker der \u00abGeneration der drei\u00dfiger Jahre\u00bb und Herausgeber der modernistischen Literaturzeitschrift <em>Neue Literatur<\/em>\/<em>Nea Grammata<\/em>).<\/p>\n<p>Im zweiten Teil zeigt der mit Elytis befreundete Dichter D. P. Papaditsas (ebenfalls einer der vom Surrealismus beeinflussten Autoren) Elytis im Gel\u00e4nde von Brauron \u2013 wo, so Elytis, auch in der Gegenwart noch schlammige Pf\u00fctzen st\u00fcnden \u2013 einen herrlichen, \u00fcberirdisch anmutenden Anblick: ein blondes kleines halbnacktes M\u00e4dchen sitzt mit gekreuzten Armen am Rande eines Sees am Fu\u00dfe eines kristallklaren Wasserfalls und starrt ins Leere. Elytis ist von diesem Anblick sprachlos gebannt und kann sich nicht sattsehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1186\" aria-describedby=\"caption-attachment-1186\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121482.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1186 size-full\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121482.jpg\" alt=\"Brauron_3\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121482.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121482-300x225.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121482-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1186\" class=\"wp-caption-text\">\u0391\u03c1\u03c7\u03b1\u03b9\u03bf\u03bb\u03bf\u03b3\u03b9\u03ba\u03cc \u039c\u03bf\u03c5\u03c3\u03b5\u03af\u03bf \u0392\u03c1\u03b1\u03c5\u03c1\u03ce\u03bd\u03b1\u03c2<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im dritten Teil will Elytis verhindern, dass sich Papaditsas begeistert in den See st\u00fcrzt, dieser zieht sich bereits die Schuhe aus und legt gerade sein Jackett ab, als Elytis sich nicht mehr anders als mit Gewalt zu helfen wei\u00df. Ein Faustkampf folgt, doch vergeblich: Papaditsas entwindet sich Elytis\u00b4 Zugriff und st\u00fcrzt sich in voller Kleidung in die Fluten, die Vision des M\u00e4dchens l\u00f6st sich in Nichts auf und alles versinkt im Schlamm. Elytis notiert am Schluss des Traums ein tiefes Gef\u00fchl der Niedergeschlagenheit.<\/p>\n<p>Da Elytis es vorzog, diesen Traum unkommentiert zu ver\u00f6ffentlichen, ist die Interpretation auf seine weiteren Texte angewiesen. Der Parthenon, die Akropolis bzw. der Tempel von Brauron als Symbole der Beziehung zur Antike verweisen auf Seferis\u00b4 und Elytis\u00b4 Verh\u00e4ltnis zu Tradition und Vergangenheit. Wiederholt kommt Elytis auf die Anf\u00e4nge der antiken Lyrik, auf Sappho und Archilochos zu sprechen, die seiner Ansicht nach als erste \u00fcberhaupt Gef\u00fchle, Tr\u00e4ume und pers\u00f6nlichen Schmerz thematisierten und damit den Anfangspunkt der westlichen Zivilisation setzten. Elytis schl\u00e4gt in seinen Prosatexten eine Br\u00fccke zwischen der Poesie und dem Traum \u2013 als einem der Poesie analogem Ph\u00e4nomen \u2013 in der Antike einerseits und in der Moderne, speziell im Surrealismus, andererseits. Elytis konstruiert in immer neuen Versuchen seine Architektonik einer einheitlichen griechischen Kultur.<\/p>\n<p>Im ersten Interpretationsschritt m\u00f6chte ich den Aspekt der S\u00e4ulen beleuchten, d. h. die Tr\u00e4ger des Traum-Bauwerks, dieses geistigen Konstrukts, das sich aus Elementen der Wirklichkeit zusammensetzt. Was bzw. wen verk\u00f6rpern diese S\u00e4ulen? Elytis verwendet in einem seiner Essays das Bild eines quasi zeitlosen Bauwerks, das die Verschmelzung eines antiken Tempels mit einer byzantinischen Kirche sein k\u00f6nnte: \u00abAm poetischen Horizont zeichnen sich an einer Fassadenseite des einheitlichen griechischen Logos deutlich drei durch B\u00f6gen verbundene S\u00e4ulen ab: Pindar, Romanos, Kalvos.\u00bb Der byzantinische Hymnenschreiber Romanos bildet f\u00fcr Elytis das mittelalterliche Bindeglied zwischen Pindar und Andreas Kalvos, einem von Elytis als non-konformistischen Vorfahren der Moderne wiederentdeckten Lyriker des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1184\" aria-describedby=\"caption-attachment-1184\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121448.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1184 size-full\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121448.jpg\" alt=\"Brauron_4\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121448.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121448-300x225.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121448-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1184\" class=\"wp-caption-text\">\u0391\u03c1\u03c7\u03b1\u03b9\u03bf\u03bb\u03bf\u03b3\u03b9\u03ba\u03cc \u039c\u03bf\u03c5\u03c3\u03b5\u03af\u03bf \u0392\u03c1\u03b1\u03c5\u03c1\u03ce\u03bd\u03b1\u03c2<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie Karyatiden, bzw. wie die lebendig eingemauerten Bauopfer des neugriechischen Volksglaubens, werden die drei Dichter als S\u00e4ulentr\u00e4ger in das einheitliche Geb\u00e4ude der griechischen Sprache und Kultur eingebaut. Elytis variiert diese Konstruktion immer wieder; an anderer Stelle beschreibt er eine weitere Fassade, als deren Mitteltr\u00e4ger Solomos, Palamas und Sikelianos, an deren entgegengesetzten Enden Kalvos und Kavafis stehen. Die europ\u00e4ische Entsprechung dazu sind laut Elytis Baudelaire, Verlaine, Mallarme und Valery als zentrale Figuren und Mittels\u00e4ulen, die poetischen Rebellen Rimbaud und Lautr\u00e9amont als dem einen und die angels\u00e4chsische Moderne mit Eliot und Pound als dem anderen Eckpfeiler. Die Verl\u00e4ngerung in die historische Tiefendimension stellt sowohl f\u00fcr die griechische als auch f\u00fcr die europ\u00e4ische Tradition die antike Lyrik mit Sappho, Pindar, Alkaios und Archilochos dar.<\/p>\n<p>Katsimbalis und Karantonis, die wesentlich zum Eigenverst\u00e4ndnis der \u00abGeneration der drei\u00dfiger Jahre\u00bb beitrugen, gehen in Elytis\u00b4 Traum zwischen den S\u00e4ulen spazieren. Beide waren durch ihre T\u00e4tigkeit als Kritiker, Bibliographen und G\u00f6nner erheblich daran beteiligt, die S\u00e4ulentr\u00e4ger des neugriechischen Kulturtempels zu k\u00fcren. Elytis imaginiert sich zusammen mit Seferis, trotz seines Lieb\u00e4ugelns mit der revolution\u00e4ren Praxis eines Rimbaud, Lautr\u00e9amont oder Kalvos sowohl im Leben als auch in der Kunst, doch wohl eher als mittlere tragende S\u00e4ule denn als extremistischer Eckpfeiler.<\/p>\n<p>Wenn Seferis das Bild des Parthenon durch die Ersetzung der S\u00e4ulen mit amerikanischen Zahnpastatuben ins Absurde verkehrt, dann verschiebt seine Traumarbeit die individuellen Kulturtr\u00e4ger zu mechanisch reproduzierbaren Waren, die auf dem Weltmarkt konkurrieren. Dahinter steht die Furcht vor dem Ausverkauf der Kultur und dem Verlust der eigenen Identit\u00e4t, die sich bei Seferis und Elytis stets \u00fcber die Kontinuit\u00e4t des Griechentums (als Landschaft, als Natur, als Sprache) definiert. Die ironische Kehrseite des kulturellen Genies und der dichterischen Imagination \u00e4u\u00dfert sich im banalen verk\u00e4uferischen Talent eines gefinkelten Jahrmarkth\u00e4ndlers \u2013 sei es die griechische Regierung, sei es die amerikanische Industrie.<\/p>\n<p>Vom antiken Heiligtum und seinen S\u00e4ulentr\u00e4gern bzw. Dichtergr\u00f6\u00dfen, unter denen Katsimbalis und Karantonis wandeln d\u00fcrfen, vom Parthenon und von Brauron f\u00fchrt der traumdeuterische Weg \u00fcber eine sprachliche Verschiebung zu dem von Elytis entwickelten Bild von der Erneuerung des poetischen Wortes. Dieses Wieder-Jungfr\u00e4ulich-Werden des Wortes korrespondiert mit dem Bild von der inspirativen Wirkung der Kind-Frau, eine R\u00fcckkehr zum Infantilen, die ja auch bei Freud eine wesentliche Komponente des Traumtriebes darstellt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1190\" aria-describedby=\"caption-attachment-1190\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121509-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1190 size-full\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121509-1.jpg\" alt=\"Parthenon_und_Brauron_2\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121509-1.jpg 1024w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121509-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/PC121509-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1190\" class=\"wp-caption-text\">\u0399\u03b5\u03c1\u03cc \u0392\u03c1\u03b1\u03c5\u03c1\u03c9\u03bd\u03af\u03b1\u03c2 \u0391\u03c1\u03c4\u03ad\u03bc\u03b9\u03b4\u03bf\u03c2<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Erneuerung des poetischen Bildes, die dichterische Inspiration im allgemeinen korreliert bei Elytis stets mit der Liebe und dem Auftreten der Objekte des Begehrens. So tritt in seinem protokollierten Traum ein kleines blondes M\u00e4dchen auf, das an einem kristallklaren Wasserfall sitzt. Die Kind-Frau, die kindliche G\u00f6ttin der Liebe, dient bei Elytis als Motivation aller k\u00fcnstlerischen Schaffenskraft. Sie verk\u00f6rpert dabei nicht nur allein den Eros, sondern eine verborgene Kr\u00e4ftekomponente, die jedem Menschen zug\u00e4nglich ist: die Fantasie, der Traum, das Unbewusste. In seinem Essay \u00abRechenschaft vor Andreas Embirikos\u00bb bemerkt Elytis, bei Embirikos trete der Eros nicht in der aus der Mythologie bekannten Form des kleinen Jungen auf, sondern in Gestalt eines wundersch\u00f6nen kleinen M\u00e4dchens. Einer modernen G\u00f6ttin, deren Zauberstab ein Bl\u00fctenstengel oder gurgelndes Wasser sei; was sie ber\u00fchre, gewinne seine Unschuld zur\u00fcck und werde gleichzeitig erotisiert.<\/p>\n<p>Das Bild des kristallklaren Wasserfalls, der erfrischenden reinen Quelle, bildet eine Verbindung zum Reich des Unbewussten und des Traumes, wie von Freud und den Surrealisten formuliert. Der Dichter kehrt darin an die Quelle der Sprache zur\u00fcck, wo die seelischen Zust\u00e4nde, die Traumassoziationen, die Ideen sich er\u00f6ffnen und die Welt neu hervorgebracht wird. Die \u00fcbliche Form des Gedichtes wird verp\u00f6nt und stattdessen dem automatischen Schreiben, dem Diktat des Unbewussten, dem Traumprotokoll gehuldigt. Eine unversiegliche Quelle beginnt, Goldk\u00f6rner aber auch Schlamm hervorzuschwemmen. Elytis bezeichnet die automatische Schreibweise als Sammelbecken, dessen Schleusen sich f\u00fcr die Assoziationen des Unbewussten \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Die Kontinuit\u00e4t von Landschaft und Natur zwischen Antike und Gegenwart kristallisiert sich deutlich in Elytis\u00b4 Satz: \u00abDie ummauerte Quelle an der Landstra\u00dfe erinnert an einen kleinen, allt\u00e4glichen Parthenon.\u00bb Damit wird die entr\u00fcckte, verdr\u00e4ngte und entfremdete Vision des antiken Parthenons wieder in eine irdische, reale, allt\u00e4gliche neugriechische Erfahrung zur\u00fcckverwandelt. Die eingefasste Quelle verk\u00f6rpert bereits einen z\u00e4hmenden, zivilisierenden Eingriff in die ungez\u00fcgelte Kraft der nat\u00fcrlichen Quelle. Der Parthenon wird dadurch zum Bauwerk, das sich \u00fcber der reinen nat\u00fcrlichen Quelle der jahrtausendealten griechischen Tradition erhebt: der antiken Lyriker (Pindar, Sappho, Archilochos, Alkaios, Ibykos, Aischrion), Krinagoras, Platon, Heraklit, Romanos, der Volkslieder bis zu Solomos, Kalvos, Palamas, Sikelianos, Seferis und Elytis selbst.<\/p>\n<p>Zum Abschluss bleibt noch die Figur des Dichters Papaditsas zu deuten, die sich trotz Elytis\u00b4 heftiger Gegenwehr in die klaren Fluten st\u00fcrzt, nur um die Vision des jungfr\u00e4ulichen M\u00e4dchens zum Erl\u00f6schen zu bringen und im Schlamm zu waten. Die Kehrseite der reinen Inspiration ist der Schlamm, der am Grunde des Sammelbeckens des Unbewussten liegt. Papaditsas findet in Elytis\u00b4 Prosatexten keine weitere Erw\u00e4hnung au\u00dfer in diesem Traumprotokoll. Wer verbirgt sich latent hinter dem Namen Papaditsas? Die L\u00f6sung ergibt sich aus der Lekt\u00fcre von Elytis\u00b4 Essays: Es fand eine Verschiebung im zweiten Teil des Namens statt, an die Stelle von Papadi-tsas tritt Papadi-amantis. Papaditsas und auch Elytis\u00b4 durchleben im Traum dieselbe Versuchung wie der Ich-Erz\u00e4hler in Papadiamantis\u00b4 Kurzgeschichte \u00abDer Traum auf den Wellen\u00bb (1900).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Papadiamantis.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1192 size-full\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Papadiamantis.jpeg\" alt=\"papadiamantis\" width=\"344\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Papadiamantis.jpeg 344w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Papadiamantis-207x300.jpeg 207w\" sizes=\"auto, (max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/a>In dieser Erz\u00e4hlung erinnert sich der Ich-Erz\u00e4hler an das Jahr 1876, als er achtzehn Jahre alt und Ziegenhirte eines Klosters auf seiner Heimatinsel war. Eines Abends nach Sonnenuntergang, in einer lauen Augustnacht, \u00fcberkommt ihn der Wunsch, im Meer zu baden. Er bindet seine Lieblingsziege Moschoula an einen Strauch, legt seine Kleider ab und ergeht sich nackt im Meer, f\u00fchlt sich eins mit der Natur, verschmilzt mit dem feuchten Element. Als er zu seiner Herde zur\u00fcckkehren m\u00f6chte, h\u00f6rt er pl\u00f6tzlich das Pl\u00e4tschern eines anderen K\u00f6rpers im Meer: das von ihm aus der Ferne verehrte sechzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen Moschoula (nachdem er sein Zicklein benannt hat) nimmt ebenfalls ein Bad im Mondschein. Von der romantischen Szene hin- und hergerissen zwischen seiner Hirtenpflicht und seiner Neugier, beobachtet er das nackte M\u00e4dchen auf den glitzernden Wellen.<\/p>\n<p>Ihr Anblick scheint ihm ein Lufthauch, ein unvorstellbares Idol, ein auf den Wellen schaukelnder Traum zu sein: eine Nereide, Nymphe, Sirene, die wie ein magisches Schiff der Tr\u00e4ume auf dem Wasser dahingleitet. Der junge Hirte ist durch den Anblick gebannt, sprachlos, in eine Ekstase versetzt, allem Irdischen enthoben. Uners\u00e4ttlich schaut er den Traum auf den Wellen und kann sich nicht losrei\u00dfen, bis das Wehklagen der Ziege Moschoula ihn an seine Pflichten und an die wirkliche Welt erinnert. Das M\u00e4dchen erschrickt und droht zu ertrinken. Kurz entschlossen st\u00fcrzt sich der Junge in die Fluten, um sie zu retten. Er war in der gl\u00fccklichen Lage, f\u00fcr einen Augenblick lang seinen Traum mit H\u00e4nden greifen zu k\u00f6nnen. Das M\u00e4dchen Moschoula wurde gerettet und danach von der Traumerscheinung wieder zu einer Frau wie alle anderen. Der kleine Hirte jedoch opferte f\u00fcr sie sein Lieblingszicklein Moschoula, das sich \u2013 so wie er es bef\u00fcrchtete hatte \u2013 am steilen Abgrund strangulierte.<\/p>\n<p>Elytis hebt in einem Essay mit dem Titel \u00abPapadiamantis\u00b4 Magie\u00bb dessen unschuldig-voyeurhaftes Schauen hervor und vergleicht dessen poetische Bilder mit Traumassoziationen. In seinem Brauron-Traum schl\u00fcpft Elytis in die Rolle des uners\u00e4ttlichen, ekstatischen Voyeurs beim Anblick der nackten blonden Kind-Frau. Doch genauso, wie er selbst Papadiamantis charakterisiert, n\u00e4mlich als J\u00e4ger sinnlicher Eindr\u00fccke, der die k\u00f6rperlichen Reize auf eine unschuldige, fast Ehrfurcht einfl\u00f6\u00dfende Weise beschreibt, bleibt auch Elytis auf Distanz zum Objekt des Begehrens. Ihm gen\u00fcgt der Anblick, so wie dem kleinen Hirten, der nur im \u00e4u\u00dfersten Notfall, als das Leben der Begehrten in Gefahr ger\u00e4t, in die Fluten springt. Elytis\u00b4 Alter Ego, Papaditsas, der sich ebenso eilig in den Traumsee st\u00fcrzt, symbolisiert die Kehrseite des reinen ekstatischen Schauens: die Gier des Besitzen-Wollens und das Bestreben, das fantasierte Begehren in der Wirklichkeit einzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Moschoula, das M\u00e4dchen, \u00fcberlebt und Moschoula, das Zicklein, wird get\u00f6tet. Das Menschenopfer wird durch ein Tieropfer ersetzt, ganz im Gegenteil zum Fall der Iphigenie, deren Vater bereit ist, sie dem Altar auszuliefern, um sich g\u00fcnstigen Wind f\u00fcr die Ausfahrt seiner Flotte zu erkaufen. Das mythische Grab der Iphigenie im Heiligtum zu Brauron schlie\u00dft den Kreis zu Elytis\u00b4 Traum vom reinen Kind an der Quelle des Unbewussten und der dichterischen Imagination.<\/p>\n<p><strong>\u039a\u03b5\u03af\u03bc\u03b5\u03bd\u03bf \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c6\u03c9\u03c4\u03cc: \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u03a3\u03c4\u03bf\u03bd \u03b1\u03c5\u03c4\u03bf\u03c0\u03c1\u03bf\u03c3\u03b4\u03b9\u03bf\u03c1\u03b9\u03c3\u03bc\u03cc \u03c4\u03b7\u03c2 \u03c3\u03cd\u03b3\u03c7\u03c1\u03bf\u03bd\u03b7\u03c2 \u03bd\u03b5\u03bf\u03b5\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03c0\u03bf\u03bb\u03b9\u03c4\u03b9\u03c3\u03c4\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03c4\u03b1\u03c5\u03c4\u03cc\u03c4\u03b7\u03c4\u03b1\u03c2 \u03b7 \u03ba\u03bb\u03b1\u03c3\u03b9\u03ba\u03ae \u03c0\u03b1\u03b9\u03b4\u03b5\u03af\u03b1 \u03c0\u03b1\u03af\u03b6\u03b5\u03b9 \u2013\u03b4\u03b9\u03cc\u03bb\u03bf\u03c5 \u03c0\u03b1\u03c1\u03ac\u03be\u03b5\u03bd\u03bf\u2013 \u03ad\u03bd\u03b1\u03bd \u03b5\u03be\u03ad\u03c7\u03bf\u03bd\u03c4\u03b1 \u03c1\u03cc\u03bb\u03bf. \u0393\u03b9\u03b1 \u03bc\u03b9\u03b1 \u03bb\u03b5\u03c0\u03c4\u03bf\u03bc\u03b5\u03c1\u03ad\u03c3\u03c4\u03b5\u03c1\u03b7 \u03b5\u03be\u03ae\u03b3\u03b7\u03c3\u03b7 \u03b7 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03b4\u03b5\u03bd \u03b1\u03c0\u03b1\u03c1\u03b9\u03b8\u03bc\u03b5\u03af \u03c4\u03b9\u03c2 \u03b1\u03c1\u03c7\u03b1\u03af\u03b5\u03c2 \u03b5\u03c0\u03b9\u03c1\u03c1\u03bf\u03ad\u03c2 \u03c3\u03c4\u03bf \u03ad\u03c1\u03b3\u03bf \u03bf\u03c1\u03b9\u03c3\u03bc\u03ad\u03bd\u03c9\u03bd \u039d\u03b5\u03bf\u03b5\u03bb\u03bb\u03ae\u03bd\u03c9\u03bd \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03ad\u03c9\u03bd, \u03b1\u03bb\u03bb\u03ac \u03ba\u03ac\u03bd\u03b5\u03b9 \u03c7\u03c1\u03ae\u03c3\u03b7 \u03bc\u03b9\u03b1\u03c2 \u03bc\u03ac\u03bb\u03bb\u03bf\u03bd &hellip; <a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/parthenonas-und-vrovrona-protokolla-oneiron-seferi-elyti\/\" class=\"more-link\">\u03a3\u03c5\u03bd\u03b5\u03c7\u03af\u03c3\u03c4\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u03b1\u03bd\u03ac\u03b3\u03bd\u03c9\u03c3\u03b7 <span class=\"screen-reader-text\">\u03a0\u03b1\u03c1\u03b8\u03b5\u03bd\u03ce\u03bd\u03b1\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u0392\u03c1\u03b1\u03c5\u03c1\u03ce\u03bd\u03b1: \u03c0\u03c1\u03c9\u03c4\u03cc\u03ba\u03bf\u03bb\u03bb\u03b1 \u03bf\u03bd\u03b5\u03af\u03c1\u03c9\u03bd \u03c4\u03bf\u03c5 \u03a3\u03b5\u03c6\u03ad\u03c1\u03b7 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c4\u03bf\u03c5 \u0395\u03bb\u03cd\u03c4\u03b7<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1191,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,50],"tags":[787,788,789,790,791,64,792,793,794,795,796,805,804,798,801,802,807,797,118,800,803,799,806],"class_list":["post-1199","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genikou-endiaferontos","category-logotechnia","tag-alexandros-papadiamantis-el","tag-brauron-el","tag-essay-el","tag-giorgos-seferis-el","tag-iphigenie-el","tag-michaela-prinzinger-el","tag-odysseas-elytis-el","tag-parthenon-el","tag-siegmund-freud-el","tag-traeume-el","tag-traumprotokolle-el","tag-805","tag-804","tag-798","tag-801","tag-802","tag-807","tag-797","tag-118","tag-800","tag-803","tag-799","tag-806"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1199","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1199"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1199\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1199"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1199"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1199"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}