{"id":1366,"date":"2017-01-02T20:45:28","date_gmt":"2017-01-02T19:45:28","guid":{"rendered":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/?p=1366\/"},"modified":"2017-01-04T19:32:40","modified_gmt":"2017-01-04T18:32:40","slug":"interview-olaf-kuehl-poiitiki-tis-metafrasis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/interview-olaf-kuehl-poiitiki-tis-metafrasis\/","title":{"rendered":"\u0393\u03c1\u03ac\u03c6\u03b5\u03b9\u03c2 \u03bc\u03cc\u03bd\u03bf \u03ae \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03ac\u03b6\u03b5\u03b9\u03c2 \u03ba\u03b9\u03cc\u03bb\u03b1\u03c2;"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u0397 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03c0\u03ae\u03c1\u03b5 \u03c3\u03c5\u03bd\u03ad\u03bd\u03c4\u03b5\u03c5\u03be\u03b7 \u03b1\u03c0\u03cc \u03c4\u03bf\u03bd Olaf K\u00fchl, \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03c4\u03ae \u03b1\u03c0\u03cc \u03c4\u03b1 \u03c0\u03bf\u03bb\u03c9\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c1\u03ce\u03c3\u03c3\u03b9\u03ba\u03b1 \u03c3\u03c4\u03b1 \u03b3\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac, \u03bc\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u03b5\u03c5\u03ba\u03b1\u03b9\u03c1\u03af\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b4\u03b9\u03b4\u03b1\u03c3\u03ba\u03b1\u03bb\u03af\u03b1\u03c2 \u03c4\u03bf\u03c5 \u03b5\u03c0\u03af \u03c4\u03bf\u03c5 \u03b8\u03ad\u03bc\u03b1\u03c4\u03bf\u03c2 \u00ab\u0397 \u03c0\u03bf\u03b9\u03b7\u03c4\u03b9\u03ba\u03ae \u03c4\u03b7\u03c2 \u03bc\u03b5\u03c4\u03ac\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03b7\u03c2\u00bb \u03c9\u03c2 \u0395\u03c0\u03b9\u03c3\u03ba\u03ad\u03c0\u03c4\u03b7\u03c2 \u039a\u03b1\u03b8\u03b7\u03b3\u03b7\u03c4\u03ae\u03c2 \u03c3\u03c4\u03bf \u03c7\u03b5\u03b9\u03bc\u03b5\u03c1\u03b9\u03bd\u03cc \u03b5\u03be\u03ac\u03bc\u03b7\u03bd\u03bf 2011\/12 \u03c3\u03c4\u03bf \u0395\u03bb\u03b5\u03cd\u03b8\u03b5\u03c1\u03bf \u03a0\u03b1\u03bd\u03b5\u03c0\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03bc\u03b9\u03bf \u03c4\u03bf\u03c5 \u0392\u03b5\u03c1\u03bf\u03bb\u03af\u03bd\u03bf\u03c5. \u0397 \u03c3\u03c5\u03bd\u03bf\u03bc\u03b9\u03bb\u03af\u03b1 \u03c4\u03bf\u03c5\u03c2 \u03b4\u03b7\u03bc\u03bf\u03c3\u03b9\u03b5\u03cd\u03c4\u03b7\u03ba\u03b5 \u03c3\u03c4\u03bf \u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03bf\u03b4\u03b9\u03ba\u03cc MD\u00dc, \u03ba\u03b5\u03bd\u03c4\u03c1\u03b9\u03ba\u03cc \u03cc\u03c1\u03b3\u03b1\u03bd\u03bf \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b3\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u039f\u03bc\u03bf\u03c3\u03c0\u03bf\u03bd\u03b4\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae\u03c2 \u0388\u03bd\u03c9\u03c3\u03b7\u03c2 \u039c\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03c4\u03ce\u03bd \u03ba\u03b1\u03b9 \u0394\u03b9\u03b5\u03c1\u03bc\u03b7\u03bd\u03ad\u03c9\u03bd (BD\u00dc).<\/strong><\/p>\n<p>\u03a4\u03bf 2016 \u03b1\u03c0\u03bf\u03bd\u03b5\u03bc\u03ae\u03b8\u03b7\u03ba\u03b5 \u03c3\u03c4\u03bf\u03bd \u03a0\u03bf\u03bb\u03c9\u03bd\u03cc \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03ad\u03b1 Szczepan Twardoch \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c3\u03c4\u03bf\u03bd \u0393\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03cc \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03c4\u03ae \u03c4\u03bf\u03c5 \u038c\u03bb\u03b1\u03c6 \u039a\u03c5\u03bb \u03c4\u03bf \u03b2\u03c1\u03b1\u03b2\u03b5\u03af\u03bf \u00abBr\u00fccke Berlin\u00bb (\u0393\u03ad\u03c6\u03c5\u03c1\u03b1 \u0392\u03b5\u03c1\u03bf\u03bb\u03af\u03bd\u03bf\u03c5) \u03c4\u03bf\u03c5 \u03b9\u03b4\u03c1\u03cd\u03bc\u03b1\u03c4\u03bf\u03c2 BHF-Bank-Stiftung, \u03c0\u03bf\u03c5 \u03c3\u03c5\u03bd\u03bf\u03b4\u03b5\u03cd\u03b5\u03c4\u03b1\u03b9 \u03b1\u03c0\u03cc \u03c7\u03c1\u03b7\u03bc\u03b1\u03c4\u03b9\u03ba\u03cc \u03ad\u03c0\u03b1\u03b8\u03bb\u03bf 20.000 \u03b5\u03c5\u03c1\u03ce. \u03a4\u03b7 \u03b4\u03b9\u03ac\u03ba\u03c1\u03b9\u03c3\u03b7 \u03c4\u03b7\u03bd \u03bc\u03bf\u03b9\u03c1\u03ac\u03b6\u03bf\u03bd\u03c4\u03b1\u03b9 \u03bf \u03b2\u03c1\u03b1\u03b2\u03b5\u03c5\u03bc\u03ad\u03bd\u03bf\u03c2 \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03ad\u03b1\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03bf \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03c4\u03ae\u03c2 \u03c4\u03bf\u03c5.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Drach-e1483441106692.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1346\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Drach-e1483441106692.jpg\" alt=\"Drach\" width=\"275\" height=\"449\" \/><\/a><b>Welche Bedeutung hat f\u00fcr Sie die Wilhelm-August-von-Schlegel-Gastprofessur f\u00fcr Poetik der \u00dcbersetzung?<\/b><\/p>\n<p>Die Gastprofessur ist f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Auszeichnung. Sie soll Gelegenheit geben, die eigene Erfahrung als \u00dcbersetzer kritisch zu reflektieren. Es geht weniger darum, an der Universit\u00e4t das eigene Handwerk zu vermitteln. Die Mehrzahl meiner Studenten kommt aus dem Bereich Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, das sind sehr aufgeschlossene und intelligente junge Leute. Vom Chinesischen bis zum Italienischen sind viele Kulturkreise vertreten, am wenigsten noch meine eigenen, d.h. die slawischen Sprachen. In den anregenden Diskussionen mit meinen Studenten lerne ich wahrscheinlich mehr, als sie von mir. Es ist zumindest ein zweiseitiger Prozess.<\/p>\n<p><b>Wie kam es, dass Sie sich auf Literatur\u00fcbersetzungen aus dem Polnischen spezialisiert haben?<\/b><\/p>\n<p>Das kam ungeplant, wie so vieles in meinem Leben. Ich hatte schon w\u00e4hrend des Studiums der Slawistik und osteurop\u00e4ischen Geschichte sowjetische kunsthistorische Texte \u00fcbersetzt. Nach dem Studium lud Prof. Rolf Fieguth mich zur Mitarbeit an der neuen Gombrowicz-Gesamtausgabe bei Hanser ein. Auf einmal war ich im Betrieb und bekam von da an st\u00e4ndig Auftr\u00e4ge. Das war auch \u00f6konomisch die Rettung f\u00fcr mich, denn nach mir als vermeintlichem Osteuropa-Spezialisten kr\u00e4hte ansonsten erst mal kein Hahn. Schon seit den 80er Jahren \u00fcbersetzte ich au\u00dferdem Schadenakten aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern f\u00fcr deutsche Haftpflichtversicherer. Das bringt im Gegensatz zur Literatur gutes Geld, beansprucht aber nur einen Bruchteil der Gehirnkapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p><b>Wie schaffen Sie es, Fach\u00fcbersetzen, Literatur\u00fcbersetzen und eigene literarische Aktivit\u00e4ten \u2013 so die Arbeit an Ihrem Roman <a href=\"http:\/\/www.similitudo.de\/TT-Rezensionen.html\">\u201eTote Tiere\u201c<\/a> \u2013 unter einen Hut zu bringen? <\/b> <b>Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?<\/b><\/p>\n<p>Erstens haben wir keinen Fernseher. Zweitens glaube ich, je mehr man zu tun hat, desto mehr Zeit hat man auch. Die Leute mit den gr\u00f6\u00dften Terminschwierigkeiten sind meistens Rentner oder andere, bei denen man sich den Zeitmangel \u00fcberhaupt nicht erkl\u00e4ren kann. Zeit ist keine absolute Gr\u00f6\u00dfe. Seit ich 1988 \u2013 auf Anraten von Karl Dedecius \u2013 im Sprachendienst der Berliner Senatskanzlei angefangen habe, bin ich ja auch noch vier Tage die Woche dort besch\u00e4ftigt, seit f\u00fcnfzehn Jahren nicht mehr als Dolmetscher, sondern in der Auslandsabteilung. Drittens habe ich kein Auto und lese zwei Stunden t\u00e4glich in der S-Bahn das, was ich ohnehin lesen mu\u00df \u2013 also etwa osteurop\u00e4ische B\u00fccher, die ich f\u00fcr Verlage begutachte. Eins greift in das andere, um das Wort Synergien nicht zu strapazieren. F\u00fcr den Regierenden B\u00fcrgermeister musste ich mich intensiv mit der Tschetschenien-Frage befassen; als ich Arkadi Babtschenkos Kriegserinnerungen \u00fcbersetzte, kamen mir diese Kenntnisse f\u00fcr mein Nachwort zugute. Bei meinem Roman \u201eTote Tiere\u201c (Rowohlt Berlin 2011) waren mir die Details der Chodorkowski-Prozesse schon von meiner dienstlichen T\u00e4tigkeit her pr\u00e4sent. Der Wechsel von der einen zur anderen T\u00e4tigkeit hat auch etwas Erfrischendes. Der Ping Pong zwischen Politik, \u00f6ffentlicher Verwaltung und Literatur h\u00e4lt die Wahrnehmungsf\u00e4higkeit wach. Wenn man ein paar Stunden Stasiuk \u00fcbersetzt hat, tut es sehr gut, im Roten Rathaus Menschen zu begegnen, die ganz andere Dinge im Kopf haben und viel praktischer denken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Tote_Tiere-2-e1483453218986.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1363\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Tote_Tiere-2-e1483453218986.jpg\" alt=\"Tote_Tiere\" width=\"275\" height=\"454\" \/><\/a><b>Wie w\u00fcrden Sie den Unterschied zwischen Fach\u00fcbersetzen und Literatur\u00fcbersetzen beschreiben? Inwiefern verhalten sich die \u00dcbersetzer anders, wenn sie einen Fachtext oder Literatur vor sich haben?<\/b><\/p>\n<p>Das Ideal eines reinen Fachtextes ist die Eindeutigkeit. In der Wartungsanleitung einer Boeing 747 muss ein Schr\u00e4ubchen im ersten der tausend Aktenorder exakt so bezeichnet werden wie im letzten. Von hier bis zur Literatur ist es eine Gradskala. Sehr herausfordernd finde ich philosophische Texte, bei denen die terminologische Transparenz ebenfalls wichtig, aber l\u00e4ngst nicht so eineindeutig ist wie in technischen Texten. Meine h\u00f6chste Bewunderung gilt sprachlich gelungenen \u00dcbersetzungen schwieriger philosophischer oder psychoanalytischer Texte, etwa Eva Moldenhauers \u00dcbertragungen von Paul Ricoeur. Das ist im Deutschen ein Lesegenuss.<\/p>\n<p><b>Ein Markenzeichen des literarischen \u00dcbersetzens \u2013 im Gegensatz zum Fach\u00fcbersetzen \u2013\u00a0 ist ja das Mehrdeutige. Wie kann man es erhalten, ohne unverst\u00e4ndlich zu werden? K\u00f6nnen Sie Beispiele geben?<\/b><\/p>\n<p>Ohne die Mehrdeutigkeit der Sprache w\u00e4re das \u00dcbersetzen l\u00e4ngst ein automatisierter Prozess, wie er es f\u00fcr viele standardisierte Textsorten schon ist. Aber so lange man bei Google f\u00fcr \u201efluent Polish\u201c \u201efl\u00fcssiges Poliermittel\u201c bekommt, darf man sich weiter auf die Unzul\u00e4nglichkeit der Maschinen verlassen. Wo sich das Denken in der Sprache wirklich entfaltet, wo also nicht fertige Gedanken verfasst werden, sondern jemand auf der Suche ist \u2013 dort ist die Mehrdeutigkeit der Humus, aus dem Neues w\u00e4chst. Und dort ist auch der \u00dcbersetzer wirklich gefordert. Er wird zum Deuter, denn oft l\u00e4sst sich Mehrdeutigkeit nicht ganz retten, dann mu\u00df man Entscheidungen treffen, und jede Entscheidung ist Interpretation. Es ist ein Gl\u00fccksfall, wenn man bei einem zweideutigen Titel wie Dorota Mas\u0142owskas <em>Paw Kr\u00f3lowej <\/em>(w\u00f6rtlich \u201eDer Pfau\u201c oder aber \u201edie Kotze, der Brecher\u201c \u201eder K\u00f6nigin\u201c) mit <em>Reiherk<\/em><em>\u00f6nigin<\/em> einigerma\u00dfen im Bilde bleiben kann.<\/p>\n<p><b>In Ihrer Antrittsvorlesung ziehen Sie die Freudsche \u201eTraumdeutung\u201c heran, um die Funktionsweise von Literatur, aber auch von literarischem \u00dcbersetzen zu beschreiben. W\u00fcrden Sie uns das genauer erl\u00e4utern?<\/b><\/p>\n<p>Freud in der \u201eTraumdeutung\u201c und die klassische Psychoanalyse \u00fcberhaupt arbeiten sehr stark mit der Sprache. Begriffe wie \u201eVerschiebung\u201c und \u201eVerdichtung\u201c haben ihre \u00c4quivalente in der Rhetorik (Metonymie und Metapher). Das hat mich schon in meiner Arbeit \u00fcber Witold Gombrowiczs inspiriert, in der ich Verbindungen zwischen der Psychologie dieses Autors und seinem Stil aufgezeigt habe. \u00dcbersetzung als Traumdeutung zu sehen ist ein fruchtbarer Gedanke und beinhaltet vor allem, dass der Autor nicht immer Herr im eigenen Haus ist. Ein Text kann Dinge sagen, von denen der Verfasser nichts wei\u00df, die er sogar bestreiten w\u00fcrde. Daher r\u00fchrt mein unbedingter Respekt vor dem Text als letzter Instanz. Freud hat empfohlen, den manifesten Trauminhalt ohne R\u00fccksicht auf seinen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zu zerlegen und die Assoziationsf\u00e4den zu verfolgen, die von jedem der nun isolierten Elemente ausgehen. \u00dcbersetzung in diesem Sinne w\u00e4re dann die Aufdeckung der latenten Traumgedanken.<\/p>\n<p><b>Mir scheint der Begriff \u201eFremdheit\u201c wichtig, um sich der Frage des Literatur\u00fcbersetzens anzun\u00e4hern, so wie ihn Julia Kristeva in \u201eFremde sind wir uns selbst\u201c verwendet.\u00a0 Einerseits erinnert der Akt des \u00dcbersetzens best\u00e4ndig daran, dass Fremdes angeeignet wird, andererseits ist \u00dcbersetzen gerade das Verheilen der Fremdheit und der Differenz. Dennoch bleibt von diesem Heilungsprozess immer eine sichtbare Narbe zur\u00fcck. Empfinden Sie das \u00e4hnlich?<\/b><\/p>\n<p>Die Kunst besteht darin, diese Narbe sichtbar zu lassen, aber nicht als h\u00e4sslichen Wulst, sondern als Zeichen eines Sieges, eines Fortschrittes in der Erkenntnis und in der \u00c4sthetik, der ohne diesen gewagten Schritt nicht erreicht worden w\u00e4re.<\/p>\n<p><b>Inwiefern ist \u00dcbersetzung f\u00fcr Sie auch ein Akt der Unterwerfung, der Assimilierung, der Kolonisierung, ja gar der Ausl\u00f6schung des \u201eFremden\u201c in der eigenen Sprache?<\/b><\/p>\n<p>Das kommt bei schlechten \u00dcbersetzungen vor und ist vielleicht Symptom einer Globalisierung der Literatur, bei der Autoren sich von vornherein \u00fcberlegen, was \u00fcbersetzbar sein wird und was nicht. Bei manchen polnischen Autoren beobachte ich eine vorauseilende Anverwandlung an deutsche Lesegewohnheiten, weil das Deutsche f\u00fcr sie ein so wichtiges Einfallstor in die Weltliteratur ist. Das l\u00e4sst sich dann schon an den Buchtiteln ablesen. Spannender ist es, wenn umgekehrt das fremde Denken, die andere Sprache das Eigene unterwandern und zu ver\u00e4ndern beginnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Maslowska.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1353\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Maslowska.jpeg\" alt=\"Maslowska\" width=\"275\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Maslowska.jpeg 275w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Maslowska-183x300.jpeg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><b>Jetzt eine Frage, die angesichts des Drucks, den der Markt auf Literatur\u00fcbersetzer aus\u00fcbt, \u201emassenkompatibel\u201c zu \u00fcbertragen, vielleicht m\u00fc\u00dfig erscheint: Wo ist Ihre Position zwischen den zwei \u00dcbersetzungstheoretikern \u2013 Luther und Schleiermacher? Der eine pl\u00e4diert n\u00e4mlich f\u00fcr das \u201eVerdeutschen\u201c, also die vollst\u00e4ndige Integration in die Zielkultur, der andere f\u00fcr das \u201eVerfremden\u201c, also das Bewahren des \u201eUrtextes\u201c in der \u00dcbersetzung. Kann man sich solche \u00dcberlegungen als \u00dcbersetzer, der f\u00fcr gro\u00dfe Publikumsverlage arbeitet, \u00fcberhaupt leisten?<\/b><\/p>\n<p>Von einer \u00dcbersetzung wird viel mehr sprachliche Korrektheit verlangt als vom Original. Solange der Lektor nicht beurteilen kann, ob Holprigkeiten sich \u00fcbersetzerischer Unf\u00e4higkeit oder dem Willen des Autors verdanken, wird er das Unebene immer begradigen wollen. Als junger \u00dcbersetzer will man erst einmal gefallen, will ins Gesch\u00e4ft kommen und kann sich die Konfrontation gar nicht leisten. Heute neige ich selbst st\u00e4rker dazu, das Fremde durchscheinen zu lassen und dem deutschen Leser mehr abzuverlangen. Es gibt \u00dcbersetzer, wie Friedhelm Rathjen in seiner Neu\u00fcbersetzung von Herman Melvilles <em>Moby Dick, <\/em>die da viel mutiger sind und sich zumindest bei einem Teil des Publikums durchsetzen.<\/p>\n<p><b>Wie halten sie das mit der Treue beim \u00dcbersetzen? Das alte Bonmot sagt ja, mit den \u00dcbersetzungen sei es wie mit den Frauen, nur die untreuen seien sch\u00f6n. Das Interessante ist ja, dass der \u00dcbersetzer umso sichtbarer wird, je treuer er ist, und umso unsichtbarer, anonymer und unbemerkter, je \u201eassimilierter\u201c an die Zielsprache seine \u00dcbertragung ist.<\/b><\/p>\n<p>Ich glaube, das ist eine Frage der Definition von Sch\u00f6nheit. Mit glatter Model-\u00c4sthetik, die vorgegebene Erwartungshaltungen befriedigt, wird die Treue immer kollidieren. Aber wie bei den Frauen gibt es auch bei den \u00dcbersetzungen eine Sch\u00f6nheit h\u00f6heren Grades, die viel mit Intelligenz zu tun hat. Witold Gombrowicz ist auch im Polnischen nicht \u201esch\u00f6n\u201c, und Elfriede Jelinek nicht im Deutschen.<\/p>\n<p><b>W\u00fcrden Sie Wilhelm von Humboldt zustimmen, der sagte, das \u00dcbersetzen diene \u00abzur Erweiterung der Bedeutsamkeit und der Ausdrucksf\u00e4higkeit der eignen Sprache\u00bb?<\/b><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. \u00dcbersetzen ist geradezu eine handwerkliche Schule f\u00fcr den eigenen Stil. Gerade wenn man sich darauf einl\u00e4sst, Texte aus entlegenen, fremden Epochen zu \u00fcbertragen, etwa dem polnischen Jugendstil. Wac\u0142aw Berent, sehr manieristisch, oft absto\u00dfend verquast, hat in meiner eigenen Sprache \u2013 quasi als \u00dcberlebensreaktion \u2013 Mittel provoziert, die sonst weiter geschlummert h\u00e4tten. An solchen Herausforderungen w\u00e4chst die eigene Sprache. Je fremder die andere Ausdrucksweise, desto besser.<\/p>\n<p><b>Und noch so ein sch\u00f6nes Zitat von Wilhelm von Humboldt: \u00abAlles \u00dcbersetzen scheint mir schlechterdings ein Versuch zur Aufl\u00f6sung einer unm\u00f6glichen Aufgabe. Denn jeder \u00dcbersetzer muss immer an einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder auf Kosten des Geschmacks und der Sprache seiner Nation zu genau an sein Original oder auf Kosten seines Originals zu sehr an die Eigent\u00fcmlichkeiten seiner Nation zu halten. Das Mittel hierzwischen ist nicht blo\u00df schwer, sondern geradezu unm\u00f6glich.\u00bb Ist es wirklich unm\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>Diese Gradwanderung ist gerade die hohe Kunst. Von vornherein unm\u00f6glich ist sie nicht, vorausgesetzt, man h\u00e4lt das \u00dcbersetzen \u00fcberhaupt f\u00fcr m\u00f6glich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Der_wahre_Sohn-e1483441125305.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1351\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Der_wahre_Sohn-e1483441125305.jpg\" alt=\"Der_wahre_Sohn\" width=\"275\" height=\"418\" \/><\/a><b>Jacob Grimm hat behauptet, die deutsche Sprache sei wegen ihrer Pedanterie, ihrer verstockten Beharrlichkeit, ihrer bed\u00e4chtigen Genauigkeit und ihres Hangs zu schmuckloser Einfachheit f\u00fcr \u00dcbersetzungen besonders geeignet. K\u00f6nnen Sie das aufgrund Ihrer Erfahrungen best\u00e4tigen?<\/b><\/p>\n<p>Pedanterie und Beharrlichkeit m\u00f6gen sich f\u00fcr philosophische Ausf\u00fchrungen eignen. Angesichts des Rhythmus und der Bilderkraft slawischer Literaturen sind sie schon \u00fcberfordert. Es scheint ohnehin, dass man sich auf die eigene Sprache oft sehr viel einbildet, was nur Bestand hat, solange es nicht mit dem Fremden konfrontiert wird.<\/p>\n<p>Ich habe in meinem Seminar erfahren, dass die Italiener das deutsche Wort \u201eZeitgeist\u201c nie \u00fcbersetzen, weil sie der Meinung sind, jede \u00dcbersetzung w\u00fcrde seine Bedeutung unzul\u00e4ssig einengen. Da scheint mir ein \u00fcbertriebener Respekt vorzuliegen. Die ber\u00fchmte deutsche Tiefe bezieht sich oft nur aus der Beschw\u00f6rungskraft rhetorischer Figuren wie etwa der Alliteration. Ich habe mir manchmal \u00fcberlegt, dass man eine Art Stilzerst\u00f6rungsprogramm entwickeln m\u00fcsste, um Texte auf ihren gedanklichen Gehalt zu pr\u00fcfen. Eine Art Stilzerst\u00f6rung ist es auch schon, wenn man selbst in andere Sprachen \u00fcbersetzt wird. Man stellt dann pl\u00f6tzlich Untiefen im eigenen Gedankengang fest, die vorher von idiomatischer Suggestivit\u00e4t kaschiert waren. Die \u00dcbersetzungen von Hegel ins Englische haben ganz frischen Wind in die Auslegung seiner Philosophie gebracht. Also, so sehr ich das Deutsche liebe, so wenig glaube ich an seine Sonderrolle.<\/p>\n<p><b>Ihre Website nennt sich <\/b><b><a href=\"http:\/\/www.similitudo.de\/\">www.similitudo.de<\/a><\/b><b>. Wollen Sie damit andeuten, dass es sich beim \u00dcbersetzen niemals um das \u201eGleiche\u201c in einer anderen Sprache handeln kann, sondern prinzipiell nur um das \u201e\u00c4hnliche\u201c, das \u201eAngen\u00e4herte\u201c?<\/b><\/p>\n<p>Der Begriff der \u00c4hnlichkeit inspiriert mich seit langem, nicht nur in Bezug auf die \u00dcbersetzung. Der Begriff durchzieht alle Bereiche menschlichen Denkens, von der Theologie bis hin zur Computertheorie. Eine Zeitlang habe ich mich viel mit dem Programmieren in C und PASCAL befasst und Arbeiten \u00fcber Sequence Comparison studiert. Ein Thema, das beim automatischen Textvergleich, aber auch in der Genetik eine gro\u00dfe Rolle spielt. \u00c4hnlichkeit per se gibt es nicht, sie h\u00e4ngt \u2013 wie die \u00dcbersetzung \u2013 von einem tertium comparationis ab, einem Dritten, einem Ma\u00dfstab. Und \u00c4hnlichkeit ist ein gutes Mittel zur T\u00e4uschung, was mich ebenfalls sehr interessiert. Irgendwann werde ich ein Buch dar\u00fcber schreiben.<\/p>\n<p><em>Erschienen in: MD\u00dc 1\/12, S. 38 \u2013 41.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0397 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03c0\u03ae\u03c1\u03b5 \u03c3\u03c5\u03bd\u03ad\u03bd\u03c4\u03b5\u03c5\u03be\u03b7 \u03b1\u03c0\u03cc \u03c4\u03bf\u03bd Olaf K\u00fchl, \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03c4\u03ae \u03b1\u03c0\u03cc \u03c4\u03b1 \u03c0\u03bf\u03bb\u03c9\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c1\u03ce\u03c3\u03c3\u03b9\u03ba\u03b1 \u03c3\u03c4\u03b1 \u03b3\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac, \u03bc\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u03b5\u03c5\u03ba\u03b1\u03b9\u03c1\u03af\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b4\u03b9\u03b4\u03b1\u03c3\u03ba\u03b1\u03bb\u03af\u03b1\u03c2 \u03c4\u03bf\u03c5 \u03b5\u03c0\u03af \u03c4\u03bf\u03c5 \u03b8\u03ad\u03bc\u03b1\u03c4\u03bf\u03c2 \u00ab\u0397 \u03c0\u03bf\u03b9\u03b7\u03c4\u03b9\u03ba\u03ae \u03c4\u03b7\u03c2 \u03bc\u03b5\u03c4\u03ac\u03c6\u03c1\u03b1\u03c3\u03b7\u03c2\u00bb \u03c9\u03c2 \u0395\u03c0\u03b9\u03c3\u03ba\u03ad\u03c0\u03c4\u03b7\u03c2 \u039a\u03b1\u03b8\u03b7\u03b3\u03b7\u03c4\u03ae\u03c2 \u03c3\u03c4\u03bf \u03c7\u03b5\u03b9\u03bc\u03b5\u03c1\u03b9\u03bd\u03cc \u03b5\u03be\u03ac\u03bc\u03b7\u03bd\u03bf 2011\/12 \u03c3\u03c4\u03bf &hellip; <a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/interview-olaf-kuehl-poiitiki-tis-metafrasis\/\" class=\"more-link\">\u03a3\u03c5\u03bd\u03b5\u03c7\u03af\u03c3\u03c4\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u03b1\u03bd\u03ac\u03b3\u03bd\u03c9\u03c3\u03b7 <span class=\"screen-reader-text\">\u0393\u03c1\u03ac\u03c6\u03b5\u03b9\u03c2 \u03bc\u03cc\u03bd\u03bf \u03ae \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03c1\u03ac\u03b6\u03b5\u03b9\u03c2 \u03ba\u03b9\u03cc\u03bb\u03b1\u03c2;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1390,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,47,50,52,49,48],"tags":[893,900,899,901,902,898,895,903,904,896,905,890,88,92,64,12,889,906,891,907,892,908,909,897,894,910,849,150,89,95,183,913,96,153,118,911,914,915,912,103],"class_list":["post-1366","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genikou-endiaferontos","category-dimosiografia","category-logotechnia","category-metafrasi","category-politiki-tou-politismou","category-synentefxeis","tag-autor","tag-autor-el","tag-bhf-bank-stiftung","tag-bhf-bank-stiftung-el","tag-bruecke-berlin-preis-el","tag-bruecke-berlin-preis","tag-der-wahre-sohn","tag-der-wahre-sohn-el","tag-drach-el","tag-drach","tag-gastprofessur-el","tag-gastprofessur","tag-interview","tag-interview-el","tag-michaela-prinzinger-el","tag-michaela-prinzinger","tag-olaf-kuehl","tag-olaf-kuehl-el","tag-poetik-der-uebersetzung","tag-poetik-der-uebersetzung-el","tag-polnische-literatur","tag-polnische-literatur-el","tag-szczepan-twardoch-el","tag-szczepan-twardoch","tag-tote-tiere","tag-tote-tiere-el","tag-uebersetzer-el","tag-uebersetzer","tag-uebersetzung","tag-uebersetzung-el","tag-183","tag-913","tag-96","tag-153","tag-118","tag-911","tag-914","tag-915","tag-912","tag-103"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1366","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1366"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1366\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1366"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1366"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1366"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}