{"id":2256,"date":"2017-11-11T23:20:40","date_gmt":"2017-11-11T22:20:40","guid":{"rendered":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/?p=2256"},"modified":"2017-11-12T10:36:26","modified_gmt":"2017-11-12T09:36:26","slug":"yparchei-mia-kypriaki-logotexnia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/yparchei-mia-kypriaki-logotexnia\/","title":{"rendered":"\u03a5\u03c0\u03ac\u03c1\u03c7\u03b5\u03b9 \u03ba\u03c5\u03c0\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1; \u039a\u03b1\u03b9 \u03b1\u03bd \u03bd\u03b1\u03b9, \u03b3\u03b9\u03b1\u03c4\u03af \u03cc\u03c7\u03b9;"},"content":{"rendered":"<p><strong><b><span lang=\"EL\">\u0395\u03af\u03bd\u03b1\u03b9 \u03b7 \u03ba\u03c5\u03c0\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1 \u03bc\u03b9\u03b1 \u00ab\u03b5\u03b9\u03b4\u03b9\u03ba\u03ae \u03c0\u03b5\u03c1\u03af\u03c0\u03c4\u03c9\u03c3\u03b7\u00ad\u00bb \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b5\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1\u03c2; \u0391\u03c5\u03c4\u03cc \u03c4\u03bf \u03b5\u03c1\u03ce\u03c4\u03b7\u03bc\u03b1 \u03b1\u03c0\u03b1\u03c3\u03c7\u03cc\u03bb\u03b7\u03c3\u03b5 \u03c4\u03b7 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03bc\u03b5 \u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03bc\u03ae \u03ad\u03bd\u03b1 \u03b5\u03b9\u03b4\u03b9\u03ba\u03cc \u03c4\u03b5\u03cd\u03c7\u03bf\u03c2 \u03b3\u03b9\u03b1 \u03c4\u03bf \u03b5\u03b2\u03b4\u03bf\u03bc\u03b1\u03b4\u03b9\u03b1\u03af\u03bf \u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03bf\u03b4\u03b9\u03ba\u03cc <\/span><\/b><b><i>Jungle<\/i><\/b><b><i> <\/i><\/b><b><i>World<\/i><\/b><b><span lang=\"EL\">. \u039c\u03b5 \u03b2\u03ac\u03c3\u03b7 \u03c4\u03c1\u03b5\u03b9\u03c2 \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03b5\u03af\u03c2 (\u03a7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03b9\u03ac\u03bd\u03b1 \u0391\u03b2\u03c1\u03b1\u03b1\u03bc\u03af\u03b4\u03bf\u03c5, \u0396\u03ad\u03bb\u03b5\u03b9\u03b1 \u0393\u03c1\u03b7\u03b3\u03bf\u03c1\u03af\u03bf\u03c5 \u03ba\u03b1\u03b9 \u0393\u03b9\u03ce\u03c1\u03b3\u03bf\u03c2 \u03a4\u03c1\u03b9\u03bb\u03bb\u03af\u03b4\u03b7\u03c2) \u03c0\u03c1\u03bf\u03c3\u03c0\u03ac\u03b8\u03b7\u03c3\u03b5 \u03bd\u03b1 \u03b5\u03bd\u03c4\u03bf\u03c0\u03af\u03c3\u03b5\u03b9 \u03c4\u03b9\u03c2 \u03b9\u03b4\u03b9\u03b1\u03b9\u03c4\u03b5\u03c1\u03cc\u03c4\u03b7\u03c4\u03b5\u03c2 \u03c4\u03b7\u03c2 \u039a\u03c5\u03c0\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae\u03c2 \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03c0\u03b1\u03c1\u03b1\u03b3\u03c9\u03b3\u03ae\u03c2.<\/span><\/b><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Obige Frage stellte sich vor einiger Zeit Literaturkritikerin Sigrid L\u00f6ffler in Bezug auf die Existenz der \u00f6sterreichischen Literatur. Ist \u00d6sterreich ein Sonderfall der deutschen Literatur bzw. Zypern eine Satellitenerscheinung der griechischen Literatur? Oder sind beide organische Bestandteile der \u00fcbergreifenden Sprachkultur?<\/p>\n<p>Zypern am Schnittpunkt der Kulturen, speziell zwischen christlich gepr\u00e4gter und islamischer Welt, hat immer schon die Koexistenz verschiedener Sprachen, Religionen und Mentalit\u00e4ten gef\u00f6rdert. Auf der Insel werden viele Sprachen gesprochen: Griechisch, T\u00fcrkisch, Armenisch, Aram\u00e4isch bzw. Kormakiti-Arabisch, Roma und die Sprachen, der seit den EU-Beitritt Zyperns immer zahlreicher gewordenen Immigranten wie etwa der Philippiner, Srilankesen, Polen und Ukrainer. Und Englisch \u2013 als die Sprache der ehemaligen Kronkolonie \u2013 ist allgegenw\u00e4rtig. Die Insel weist eine Volkssprache auf, den zyprischen Dialekt, der lange Zeit nur m\u00fcndlich tradiert und erst sp\u00e4t verschriftet wurde. Als sprachliche Peripherie f\u00fchlt sie sich dem Zentrum \u2013 Griechenland \u2013 einerseits zugeh\u00f6rig und andererseits ausgeliefert. Das Ph\u00e4nomen \u201eMutterland\u201c erzeugt auch auf literarischem Gebiet ein Dilemma zwischen Assimilierungsdruck und Autonomieanspruch.<\/p>\n<p>Kyriakos Charalambidis, der Doyen der Dichterszene auf Zypern, meint: \u201eDie Trag\u00f6die ist ein zweischneidiges Schwert. Sie macht die guten Poeten besser und die schlechten Poeten schlechter.\u201c 1974, das traumatische Jahr der Teilung, hat die Literaten beeinflusst, gepr\u00e4gt, motiviert und auch gel\u00e4hmt. Nach 2003 ergab sich, lange nach der Vertreibung, die M\u00f6glichkeit der R\u00fcckkehr an die verlorenen Orte der Kindheit und Jugend. Wie stellt sich die junge Literaturszene Zyperns diesen Fragen? Drei Portr\u00e4ts versuchen eine Antwort zu geben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2253\" src=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zypern-Supplemento.jpg\" alt=\"Schwerpunkt Zypern Caretta Caretta Jungle World\" width=\"687\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zypern-Supplemento.jpg 687w, https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zypern-Supplemento-201x300.jpg 201w\" sizes=\"auto, (max-width: 687px) 100vw, 687px\" \/><\/p>\n<p><strong>Das Gro\u00dfe im Kleinen<\/strong><\/p>\n<p>Die Literatur hat zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder zieht sie sich ins Private, auf individuelle Erlebnisse zur\u00fcck oder sie begreift sich als Teil der Gesellschaft und der Geschichte. Viele, wenn nicht die meisten Literaten und Literatinnen w\u00e4hlen Mischformen zwischen diesen beiden extremen Polen.<\/p>\n<p>Die 1978 geborene zyprische Lyrikerin Christiana Avraamidou scheint ihren Standpunkt zwischen Politisierung und dem Blick nach Innen genau und selbstkritisch abzuw\u00e4gen:\u201eManchmal sp\u00fcre ich, dass ich nicht zur zyprischen Familie geh\u00f6re, dass ich den Schmerz der Mutter, die ihr Kind im Krieg verloren hat, nicht nachvollziehen kann. Ich f\u00fchle mich klein vor alledem. Vielleicht ist meine Thematik im Vergleich dazu nicht so bedeutsam, aber m\u00f6glicherweise ist es so, dass ich eine neue Generation verk\u00f6rpere, die eine andere Art von Schmerz und Einsamkeit erfahren hat.\u201c<\/p>\n<p>Christiana Avraamidou wurde vier Jahre nach den traumatischen Ereignissen von 1974 in Athen geboren, und im renommierten Athener Lyrikverlag \u201ePlanodion\u201c werden auch ihre Texte \u2013 bislang vier Gedichtsammlungen \u2013 verlegt. Sie hat den Sprung in die Verlagsmetropole des \u201eMutterlandes\u201c geschafft. Die sehr pers\u00f6nliche Dichtung von Christiana Avraamidou, die an eine Art Tagebuch erinnert, ist lyrisch und empfindsam, voller Gef\u00fchl, Spontaneit\u00e4t und verhaltener K\u00fchnheit. Die Gedichte, die Christiana Avraamidou schreibt, beweisen ihr Engagement f\u00fcr das Kleine, das (scheinbar) Unbedeutende, das Verborgene. Sie liebt die Rolle, die Einzelheiten und kleine Dinge in der Poesie spielen, weil sie sich mit umst\u00fcrzlerischer Bedeutung aufladen k\u00f6nnen, wenn das dichterische Wort ihnen pl\u00f6tzlich eine Hauptrolle zuteilt: \u201eDas Leben erh\u00e4lt Bedeutung und Wesentlichkeit durch das Detail. Das Geringste ist der Anfang des Ganzen. Die gr\u00f6\u00dfte Trag\u00f6die und die gr\u00f6\u00dfte Kom\u00f6die sind nicht durch viele Worte zu beschreiben, sondern durch eine allt\u00e4gliche Szene, die von sich aus alles schon sagt. Wie ein M\u00e4dchen etwa, das am Strand sitzt\u2026 ganz allein.\u201c<\/p>\n<p>Die Poesie wird zum Wunderland, das die kleine Alice (oder Christiana) mit gro\u00dfen Augen und gro\u00dfen W\u00fcnschen entdeckt. Das Reich der Poesie verspricht Heilung von den Wunden, die das Leben schl\u00e4gt. Aber es ist auch ein Ort der Scham, denn befragt, ob sie das Thema der R\u00fcckkehr an den Ort des Ursprungs und der Kindheit nach der Vertreibung von 1974, die so viele zyprische Autoren besch\u00e4ftigt, literarisch interessiert, antwortet sie:<\/p>\n<p>\u201eIch sch\u00e4me mich, es zu sagen, aber es hat mich noch nicht pers\u00f6nlich ber\u00fchrt. Es kommt mir nahe durch Geschichten von Menschen, die die Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben. Es hat etwas Magisches f\u00fcr mich, ihren Beschreibungen zu lauschen. Ich sch\u00e4me mich jedoch noch mehr, wenn ich sage, dass ich manchmal den Wunsch versp\u00fcre, an ihre Stelle zu treten, mich als Teil eines historischen Traumas meiner Heimat zu f\u00fchlen. Ich wei\u00df, das h\u00f6rt sich verr\u00fcckt an.\u201c<\/p>\n<p>Die Gnade der sp\u00e4ten Geburt wird f\u00fcr junge zyprischen Autoren zuweilen der Ursprung einer Scham, wenn der literarische Blick nicht nach au\u00dfen, zum gesellschaftlichen Ganzen, sondern nach Innen, zum Kern des Individuums geht. Die Frage stellt sich, welche \u00e4sthetische Chance die j\u00fcngste Generation bekommt, die historisch pers\u00f6nlich unbelastet, aber sicherlich vom kollektiven Unbewussten mitgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Interessant w\u00e4re es, Christiana Avraamidous Dichtung in einen Dialog mit einem der Doyens zyprischer Poesie treten zu lassen, zu Jorgos Moleskis\u00b4 \u201eDer Nutzen der Dichtung\u201c. Darin sagt er, es bed\u00fcrfe vieler Worte und Gesten, um das Zwecklose und das Unbedeutende auszudr\u00fccken, so wie man die Geschwindigkeit brauche, um die Bewegungslosigkeit wiederzugeben, und vieler Worte, um das Nichts darzustellen. Und man brauche die Poesie, damit dieses Nichts irgendeinen Sinn bekomme. Doch da sich die junge Dichterin ganz bewusst mit dem Unbedeutenden identifiziert, das durch die dichterische Reduktion und Abstraktion wieder neue Bedeutung erlangt, bedarf die Darstellung ihres ganz individuellen Nichts keiner gro\u00dfen Worte, sondern ber\u00fchrt durch seine aufrichtige Unmittelbarkeit.<\/p>\n<p><strong>Das Dilemma der Sprachen<\/strong><\/p>\n<p>Zeleia Gregoriou wurde 1968 in einem kleinen Ort bei Paphos geboren, sodass ihr das Gef\u00fchl der Peripherie von Geburt an vertraut war. Doch besonders intensiv hat sie Diaspora und Exil erfahren, als sie etwa zehn Jahre in den USA lebte und dort zu schreiben begann \u2013 in ihrer Muttersprache und auf der Suche nach ihren eigenen Worten und ihrer eigenen \u00c4sthetik. Damals stand sie unter dem direkten Einfluss ihres amerikanischen Arbeitsumfeldes, ihrer philosophischen Lekt\u00fcre und ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrungen in der Fremde.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr Ende der neunziger Jahre fiel ihr nicht leicht, und vor allem nicht auf eine Insel, die ihr auf den ersten Blick r\u00fcckst\u00e4ndig und patriarchalisch erschien. Nach der Besch\u00e4ftigung mit Philosophen wie Derrida, Kristeva, Cixous und Irigaray war die R\u00fcckkehr in die Realit\u00e4t der zyprischen Grundschulen hart. Heute scheint sie am Ziel aller akademischen Tr\u00e4ume angekommen: Sie lehrt an der Universit\u00e4t Zypern in Nikosia. Doch ihr kritischer, durchdringender Blick, ihr Widerspruchsgeist und ihr poetischer Wille sind ihr nicht abhanden gekommen.<\/p>\n<p>Nach den Jahren in Amerika zeichnete sich in Gregorious Werk nach ihrer Heimkehr eine Wende ab. Waren in der Vergangenheit postkoloniale Theorien, Feminismus und philosophisch-poetische Einfl\u00fcsse der angloamerikanischen Welt stark sp\u00fcrbar gewesen, so treten nun andere, privatere und direktere Themen wie Erinnerung und Liebe in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Die gef\u00e4hrdete Art der Caretta Caretta (so hei\u00dft auch einer ihrer Gedichtb\u00e4nde), der Unechten Karettschildkr\u00f6te, die auch in Buchten Zyperns nistet, steht vielleicht auch f\u00fcr den Poeten an sich, der eine vom Aussterben bedrohte Art darstellt. Wegen ihres Fleisches, ihrer Eier und ihres Schildpatts gejagt und verfolgt, steht sie nunmehr unter Naturschutz. Die Meeresschildkr\u00f6ten leben in zwei Welten, an Land und unter Wasser. Im gleichnamigen Gedicht des Bandes scheint die Unvereinbarkeit zwischen den Welten, vielleicht auch zwischen Mann und Frau, zu Tage zu treten. Die Caretta Caretta erinnert gewisserma\u00dfen an eine Meerjungfrau, der die Vereinigung mit einem Menschen versagt ist, es sei denn, sie nimmt es in Kauf, ihr eigentliches Wesen zu verraten.<\/p>\n<p>In einem Text \u201eDas Blutbad der \u00dcbersetzung\u201c, der nach einem Aufenthalt in Deutschland und nach der Erfahrung mit Lesungen vor deutschsprachigem Publikum entstand, beschreibt Zeleia Gregoriou die Erfahrung des Aufwachsens mit zwei Muttersprachen. Denn von Kind auf ist auf Zypern der Gegensatz zwischen Vater- und Muttersprache sp\u00fcrbar, zwischen einer Sprache der dominanten Kultur, der Obrigkeit und der Kirche, des Handels und der Verwaltung, und einer Sprache der privaten Sph\u00e4re, einer Umgangssprache, die in der Familie gesprochen wird.<\/p>\n<p>Das Zyprische ist ein griechischer Dialekt, der sich durch bestimmte phonetische Besonderheiten und durch den Wortschatz, der zum Teil auf sehr alte Schichten des Griechischen zur\u00fcckgreift, von der gemeingriechischen Standardsprache Athener Pr\u00e4gung unterscheidet. Seit der 1. H\u00e4lfte des 15. Jahrhunderts gibt es eine verschriftete \u00fcberregionale zyprische Volkssprache im Gegensatz zur allgemeinen griechischen gehobenen Verwaltungs- und Kirchensprache. Der zyprische Dialekt bestand zun\u00e4chst nur in m\u00fcndlicher Tradition, doch zwischen dem 15. und 19. Jhdt. hat sich eine Reihe von Texten in dieser zyprischen Volkssprache erhalten. Im Zuge der Alphabetisierung wurde die Sprache jedoch nicht mit Texten im zyprischen Dialekt, sondern mit Athener Fibeln in Standardsprache erlernt.<\/p>\n<p>So ger\u00e4t der Erstkl\u00e4ssler in einen (nicht nur) sprachlichen Konflikt beim Anblick des standardgriechischen Wortes \u201eMam\u00e1\u201c oder \u201eMitera\u201c \u2013 das erste Wort eines so gut wie jeden Kindes -, das in den Athener Lesefibeln der zyprischen Grundschulen steht. Der Verlust des mit der Muttermilch eingesogenen zyprischen \u201eM\u00e1mma\u201c zementiert schon beim Erstkl\u00e4ssler eine Diskrepanz zwischen gesprochener und gef\u00fchlter Sprache einerseits und gelesener, angelesener und studierter Bildung andererseits. So entsteht bereits in der Grundschule ein Gef\u00fchl der Entfremdung, das die Sprecher des Zyprischen ihr Leben lang nicht mehr losl\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Die Subversion der Ironie<\/strong><\/p>\n<p>Jorgos Trillidis, Jahrgang 1976, mag keine akademischen Fragen. Besonders, wenn man ihn mit folgendem Gedankengang konfrontiert: Wir seien doch gerade dabei, die nationalstaatliche Ordnung, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, in Richtung eines geeinten Europa zu \u00fcberwinden: Sollten wir da nicht auch das Konzept der \u201eNationalliteratur\u201c hinter uns lassen? Sollten wir nicht den Begriff \u201ezyprische Literatur\u201c als Chance auffassen, eine Literatur zu beschreiben, die mehr als eine Sprachkultur umfasst?<\/p>\n<p>\u201eMal im Ernst: Es gibt keine zyprische Literatur. Es gibt Zyperngriechen, die auf Griechisch schreiben, die aber kein Mensch in Griechenland liest. Es gibt Zypernt\u00fcrken, die auf T\u00fcrkisch schreiben, die aber kein Mensch in der T\u00fcrkei liest. Und es gibt andere \u2013 Armenier, englischsprachige Zyprioten etc. -, die auf Englisch schreiben, aber auch kein Publikum finden. Also findet diese Art \u00b4post-nationaler\u00b4 Literatur seit Jahrzehnten auf Zypern statt. Na und? Hat es was gebracht? Warum sollte man denn einen \u00dcbergang von einer \u00b4Nationalliteratur\u00b4 zu etwas Anderem, Gr\u00f6\u00dferem, Umfassenderem herbeisehnen? Jeder von uns sollte in einem Zimmer sitzen und versuchen, so gut wie m\u00f6glich zu schreiben, nur das hat Bedeutung.\u201c<\/p>\n<p>Damit gesellt auch er sich zu den Stimmen der j\u00fcngeren Schriftstellergeneration, die nach dem traumatischen Jahr 1974 geboren wurden. Sie wollen sich freischreiben von der Geschichte, und sie wollen sich auf ihr Schreiben konzentrieren, in einem Zimmer f\u00fcr sich allein, wie es Virginia Woolf angeregt hatte. Und sie wollen ihren eigenen Duktus finden, unabh\u00e4ngig davon, in welcher Sprache sie schreiben. Trillidis meint charakteristischerweise dazu: \u201eWir haben Respekt vor der Geschichte, aber die Zeit der Kampflieder ist vorbei.\u201c<\/p>\n<p>Jorgos Trillidis wurde in Nikosia geboren, studierte in Athen Rechtswissenschaften und in Edinburgh Politikwissenschaften. 1998 und 2000 hat er zwei bemerkenswerte Talentproben abgelegt, n\u00e4mlich zwei B\u00e4nde mit Kurzgeschichten: \u201eH\u00e4ngengeblieben in unseren Mandelwagen\u201c und \u201eEndzeremonie\u201c. Nach diesem erfolgreichen Start als Literat verdient Jorgos Trillidis sein Brot nunmehr als Rechtsanwalt. Dass er seine Zukunft nicht allein in dieser Rolle sieht, beweist die Tatsache, dass er 2006 einen Studiengang in Creative Writing an der University of East Anglia abschloss.<\/p>\n<p>Jorgos Trillidis\u00b4 Stil ist pointiert, gepr\u00e4gt von Ironie und Selbstironie. Zu seinen literarischen Vorlieben und Vorbildern meint Jorgos Trillidis nur: \u201eDer Lieblingsregisseur des trashigen Ed Wood war auch Orson Welles, aber deshalb hat er auch keine besseren Filme gemacht.\u201c Die Einfl\u00fcsse von Kino und Rockmusik sind in Trillidis\u00b4 \u00e4lteren Texten nicht zu leugnen. Heute sieht er die Dinge etwas abgekl\u00e4rter: Sie h\u00e4tten ihm fr\u00fcher als Kr\u00fccken gedient, heute hoffe er, sie nur mehr als literarische \u201eNahrungserg\u00e4nzung\u201c zu ben\u00f6tigen. In \u201eEndzeremonie\u201c gibt es eine Erz\u00e4hlung, die mit dem spektakul\u00e4ren Selbstmord des Protagonisten endet, der im Zeichen verschiedener angloamerikanischer Rocksongs steht. Generell hat Trillidis seinen zweiten Erz\u00e4hlband unter das Motto \u201eTod\u201c \u2013 in Form von Siechtum, Selbstmord, Unfall, Euthanasie \u2013 gestellt. Trocken, wie in all seinen Statements, erl\u00e4utert er das Motiv: \u201eDamals war ich 22. Ich wusste mir keinen besseren Weg, um ernst genommen zu werden.\u201c<\/p>\n<p>Bereits den ersten Band seiner Kurzgeschichten hat Trillidis durch ein gemeinsames Element zu verkn\u00fcpfen gewusst. Durchgehendes Thema waren alle m\u00f6glichen Arten von Fortbewegungsmitteln, in denen die Erz\u00e4hlungen spielen. In der Bewegung von Hier nach Dort, in der Mobilit\u00e4t, im Unterwegssein entwickelt sich eine Geschichte. In seinem zweiten Erz\u00e4hlband steht das Zu-Ende-Gehen, das Ablaufen einer Frist im Mittelpunkt, also der Tod in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen. Aber schnell stellt der Leser fest, wie Trillidis mit diesem Thema umgeht: auf leichtf\u00fc\u00dfige und subversive Art und Weise. Die Erz\u00e4hlung \u201eEins zu einer Million\u201c etwa \u00fcber den t\u00f6dlichen Verkehrsunfall eines braven Familienvaters und die groteske Benachrichtigung seiner Ehefrau durch die den Tod auf zynische Weise verwaltende Institution \u2013 das Krankenhaus und den zust\u00e4ndigen Arzt \u2013 ist auf ganz theatralische Weise wie ein kleiner Einakter aus f\u00fcnf Szenen aufgebaut. Die am Morgen zum \u00c4rger des Familienvaters stehen gebliebene teure Uhr wird zum Symbol daf\u00fcr, dass die Zeit abgelaufen ist, und zum Symbol eines angek\u00fcndigten Todes.<\/p>\n<p>Trillidis\u00b4 Erz\u00e4hlungen spielen in einem undefinierten Raum, in einer anonymen Gro\u00dfstadt, in einem Hotel, das irgendwo stehen k\u00f6nnte. In einer einzigen Geschichte, in der er seinen eigenen Gro\u00dfvater verewigt, wird das Setting pl\u00f6tzlich \u201eregional\u201c, und zwar durch die Sprache des Gro\u00dfvaters, der den zyprischen Dialekt verwendet. Pl\u00f6tzlich wird in einer Welt, in der alles global, alles gleichzeitig und \u00fcberall auf der Welt verf\u00fcgbar und zug\u00e4nglich ist (siehe Internet) und keinen Ursprung mehr zu haben scheint, die Herkunft und das Regionale betont. In der Erz\u00e4hlung versuchen Tochter und Enkel den Gro\u00dfvater zu \u00fcberreden, sich in England \u00e4rztlich behandeln zu lassen, was der Gro\u00dfvater aus ideologischen Gr\u00fcnden strikt ablehnt, da er f\u00fcrchtet, seine Identit\u00e4t zu verraten, wenn er ins \u201eFeindesland\u201c f\u00e4hrt. Der Gro\u00dfvater verk\u00f6rpert das Zu-Ende-Gehen einer kulturellen Identit\u00e4t, die sich definierte im Kampf gegen die Engl\u00e4nder, gegen die Unterdr\u00fccker, gegen die politischen Gegner, und auch als Abgrenzung des Regionalen gegen das \u00fcberm\u00e4chtig Globale. Nicht umsonst h\u00e4ngt die Drohung mit dem Altersheim im Raum, also mit der \u201eeurop\u00e4ischen\u201c, der \u201efortschrittlichen\u201c Form der Unterbringung der Alten im Vergleich zur althergebrachten Altenpflege in der Familie.<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass sich junge zyprische Autoren scheuen, den Dialekt literarisch zu verwerten und ihn daher nur ganz sparsam und gezielt einsetzen. Es k\u00f6nnte, so m\u00f6chte man einwenden, ein Versuch sein, Sprache als Herrschaftsinstrument zu unterlaufen, da der Dialekt oftmals realistischer, naturalistischer, auch emotionaler als die Standardsprache ist. Damit k\u00f6nnte man aufbegehren gegen die Entfremdung durch die Entscheidungshoheit eines alles bestimmenden Zentrums \u2013 Nikosia, Athen, Br\u00fcssel.<\/p>\n<p>Doch selbst angesichts dieser M\u00f6glichkeiten bleibt Jorgos Trillidis Realist, was die Reichweite der literarischen \u00c4u\u00dferung und die Rolle der Literaten in einem sich erweiternden Europa betrifft: \u201eIch will den Film \u00b4Das Tagebuch der Bridget Jones\u00b4 zwar nicht unbedingt empfehlen, aber es gibt darin eine aussagekr\u00e4ftige Szene: Salman Rushdie, der sich selbst spielt, ist zu einer Buchpr\u00e4sentation eingeladen. Das einzige, wonach die G\u00e4ste Salman Rushdie fragen, ist der Weg zur Toilette. Das ist meiner Meinung nach die Rolle des Literaten, sowohl in einem sich erweiternden Europa als auch in einem zur Bedeutungslosigkeit schrumpfenden Nationalstaat.\u201c<\/p>\n<p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><\/p>\n<p>Zypern literarisch. 12 Portr\u00e4ts. Hrsg.: Botschaft der Republik Zypern, Berlin 2008. Zypern. Begegnung zwischen Poesie &amp; Fotografie. Hrsg.: Botschaft der Republik Zypern, Berlin 2008.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche literarische Texte des Supplemento wurden von Michaela Prinzinger aus dem Griechischen bzw. aus dem Englischen (Adriana Ierodiaconou und Nora Nadjarian) \u00fcbertragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0395\u03af\u03bd\u03b1\u03b9 \u03b7 \u03ba\u03c5\u03c0\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1 \u03bc\u03b9\u03b1 \u00ab\u03b5\u03b9\u03b4\u03b9\u03ba\u03ae \u03c0\u03b5\u03c1\u03af\u03c0\u03c4\u03c9\u03c3\u03b7\u00ad\u00bb \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b5\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1\u03c2; \u0391\u03c5\u03c4\u03cc \u03c4\u03bf \u03b5\u03c1\u03ce\u03c4\u03b7\u03bc\u03b1 \u03b1\u03c0\u03b1\u03c3\u03c7\u03cc\u03bb\u03b7\u03c3\u03b5 \u03c4\u03b7 \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ad\u03bb\u03b1 \u03a0\u03c1\u03af\u03bd\u03c4\u03c3\u03b9\u03b3\u03ba\u03b5\u03c1 \u03bc\u03b5 \u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03bc\u03ae \u03ad\u03bd\u03b1 \u03b5\u03b9\u03b4\u03b9\u03ba\u03cc \u03c4\u03b5\u03cd\u03c7\u03bf\u03c2 \u03b3\u03b9\u03b1 \u03c4\u03bf \u03b5\u03b2\u03b4\u03bf\u03bc\u03b1\u03b4\u03b9\u03b1\u03af\u03bf \u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03bf\u03b4\u03b9\u03ba\u03cc Jungle World. \u039c\u03b5 \u03b2\u03ac\u03c3\u03b7 \u03c4\u03c1\u03b5\u03b9\u03c2 \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03b5\u03af\u03c2 (\u03a7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03b9\u03ac\u03bd\u03b1 \u0391\u03b2\u03c1\u03b1\u03b1\u03bc\u03af\u03b4\u03bf\u03c5, \u0396\u03ad\u03bb\u03b5\u03b9\u03b1 \u0393\u03c1\u03b7\u03b3\u03bf\u03c1\u03af\u03bf\u03c5 \u03ba\u03b1\u03b9 \u0393\u03b9\u03ce\u03c1\u03b3\u03bf\u03c2 &hellip; <a href=\"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/genikou-endiaferontos\/yparchei-mia-kypriaki-logotexnia\/\" class=\"more-link\">\u03a3\u03c5\u03bd\u03b5\u03c7\u03af\u03c3\u03c4\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u03b1\u03bd\u03ac\u03b3\u03bd\u03c9\u03c3\u03b7 <span class=\"screen-reader-text\">\u03a5\u03c0\u03ac\u03c1\u03c7\u03b5\u03b9 \u03ba\u03c5\u03c0\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1; \u039a\u03b1\u03b9 \u03b1\u03bd \u03bd\u03b1\u03b9, \u03b3\u03b9\u03b1\u03c4\u03af \u03cc\u03c7\u03b9;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2254,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,50,52,49],"tags":[632,93,1507,95,212,1508,342,1509,420,96],"class_list":["post-2256","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genikou-endiaferontos","category-logotechnia","category-metafrasi","category-politiki-tou-politismou","tag-griechische-literatur-el","tag-literatur-el","tag-sprache-el","tag-uebersetzung-el","tag-zypern-el","tag-1508","tag-342","tag-1509","tag-420","tag-96"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2256","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2256"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2256\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2256"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2256"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaela-prinzinger.eu\/el\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2256"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}