programm für symposium

Syn_Energy Berlin_Athens: Die Grußworte der Kulturministerinnen

Lesen Sie die Grußworte von Myrsini Zorba, Ministerin für Kultur und Sport der Hellenischen Republik, und Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, zum Griechisch-Deutschen Literatursymposium Syn_Energy Berlin_Athens, 17. – 21. Oktober 2018, initiiert von Michaela Prinzinger.

Das Grusswort der Ministerin für Kultur und Sport der Hellenischen Republik Myrsini Zorba:

So widersprüchliche Sichtweisen wie „The Tyranny of Greece over Germany“ zum einen und „Griechenland unter deutschem Diktat“ zum anderen prägten in den vergangenen einhundert Jahren die gegenseitige Wahrnehmung und die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, und das in ganz unterschiedlichen historischen Situationen. Die erste Sichtweise bezieht sich auf den Titel eines populären Buchs aus der Zwischenkriegszeit, die zweite wurde immer wieder während der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise laut. Man könnte so weit gehen und sagen, dass beide Länder sich in gewissem Maß gegenseitig mitgestaltet haben. Tatsächlich hat sich das Deutschland des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der griechischen Klassik herausgebildet. Griechenland wiederum wurde im selben Jahrhundert unter dem bayerischen Königshaus und bayerischer Gesetzgebung ein eigener Staat.

Auch die griechische Universität, deren erste Professoren ihre Studien in Deutschland absolviert hatten, orientierte sich am deutschen Vorbild. Der Erste Weltkrieg führte zu einer politischen Spaltung Griechenlands, als der König auf einer neutralen Haltung bestand und damit deutsche Interessen favorisierte, während der Ministerpräsident des Landes eine Kriegsbeteiligung an der Seite der Entente unterstützte. Die deutsche Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg war nicht nur besonders grausam und kostete viele Menschenleben, sondern zerstörte auch die griechische Infrastruktur und Wirtschaft. An die Besatzung schloss sich der griechische Bürgerkrieg an, eine der traumatischsten Phasen der jüngsten griechischen Geschichte. In den 1960er-Jahren migrierten Griechen angesichts der ruinösen Wirtschaftslage, die eine Kriegsfolge war, nach Deutschland und trugen auf diese Weise zum Wiederaufbau des ehemaligen Kriegsgegners bei. Während der Militärdiktatur ab 1967 zeigte Deutschland große Solidarität und Unterstützung für den Kampf gegen die griechische Junta. Und kürzlich war es Deutschland, das im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Finanzkrise Griechenland den Austritt aus der Eurozone dringend nahelegte. Fast zwei Jahrhunderte lang verhalten sich also Griechenland und Deutschland mal freundschaftlich, mal feindlich zueinander. Und wie sieht es heute aus?

Einen wichtigen Beitrag liefert das Kulturportal diablog.eu, deutsch-griechische Begegnungen. In der Rolle eines Kulturmittlers versucht es, Misstrauen abzubauen; nicht mit einer Intervention von “oben” nach “unten”, sondern durch die Förderung von gegenseitigem Verständnis. In einem geschützten Raum können Bürger beider Länder voneinander mehr erfahren, ihre Gedanken austauschen, ihre Skepsis und Träume vortragen und in Übersetzungen lesen, was die jeweils anderen zu sagen haben. Kulturelle Begegnung von der Basis aus – das ist ein wirklicher Einschnitt in der Art und Weise, Annäherung möglich zu machen. Der Initiatorin dieser “deutsch-griechischen Begegnungen”, der Neogräzistin Michaela Prinzinger, kann man nur gratulieren, genau wie allen, die ebenfalls an diesem Projekt mitwirken.

Auch dem Literaturhaus Lettrétage, dem Berliner Hauptstadtkulturfonds und der Stavros Niarchos Foundation gebühren Dank und Lob für die Unterstützung dieser Zusammenkunft. In der Hoffnung, dass davon weitere Impulse für eine intensivere Kommunikation literarischer und allgemein kultureller Produktion in beiden Ländern ausgehen, wünsche ich SYN_ENERGY BERLIN_ATHENS viel Erfolg.

Myrsini Zorba
Ministerin für Kultur und Sport der Hellenischen Republik

das grusswort der staatsministerin prof. monika grütters mdB zur eröffnung:

„Menschen brauchen Kunst, um die Krise zu verstehen, um zu verstehen, was man nicht mehr verstehen kann“, sagte die Künstlerin Christina Dimitriadis anlässlich der documenta 14, die im vergangenen Jahr in Kassel und Athen stattfand. Auch das deutsch-griechisch Literatursymposium SYN_ENERGY BERLIN_ATHENS eröffnet künstlerische Räume, die dazu einladen, fremde Gedankenwelten zu erleben und zu verstehen. Vier Tage lang werden dabei Autorinnen und Autoren aus fünf Ländern beider Sprachräume miteinander in einen literarischen Dialog treten – jenseits politischer Interessenkonflikte. Bis heute ist der Blick nach Griechenland für deutsche Künstlerinnen, Künstler und Kreative eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Gerade jene literarischen Auseinandersetzungen, die die Gegenwart reflektieren und die unter dem Eindruck des Wandels der Lebenswelten unsere Werte spiegeln und infrage stellen, laden zu einem Brückenschlag ins jeweils andere Land ein. So leistet die Literatur einen wertvollen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt auch über nationale Grenzen hinaus.

Zugleich würdigt die zweisprachige Veranstaltung die großen Verdienste der literarischen Übersetzerinnen und Übersetzer: Sie sind es, die das Denken, Wahrnehmen und Empfin­den aus der einen in die andere Sprache übertragen und so ganz neue Sprachwelten schaffen. Sie bringen die Seele eines Textes in einem neuen Sprachkörper zum Klingen und sorgen dafür, dass Poesie oder Prosa über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg Gehör finden. Ich freue mich sehr, dass der Deutsche Übersetzerfonds zur Förderung literarischer Übersetzungen auch in Zukunft dazu beitragen wird, literarisches Schaffen aus Griechenland in Deutschland zur Sprache zu bringen und dass der Hauptstadtkulturfonds das deutsch-griechische Literatursymposium unterstützen kann. Den Besucherinnen und Besuchern des Symposiums wünsche ich eindrückliche und begeisternde Begegnungen mit der deutschen und griechischen Literatur, die gegenseitiges Verstehen möglich machen und so die Verbundenheit Deutschlands und Griechenlands fördern.

Prof. Monika Grütters MdB
Staatsministerin für Kultur und Medien

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