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Kritik am deutschen Blick auf Griechenland: Der frühe Roman “Der Affe Xouth” (1847-8)

Selbst- und Fremdwahrnehmung als ewiges Dilemma der Griechen: Hin und hergerissen zwischen glorreicher Antike und ernüchternder Gegenwart, geht es auch in den Anfängen der neugriechischen Prosa im 19. Jahrhundert um Identitätsfindung zwischen “Folklore” und “Anpassung”. Bezeichnenderweise setzt sich einer der ersten neugriechischen Romanautoren mit einem deutschen Reisenden des frühen 19. Jahrhunderts auseinander, dessen Person und Reisebericht er aufs Korn nimmt.

Der Affe tritt in der europäischen Literatur in verschiedenen Rollen und Funktionen auf: als Doppelgänger, alter ego oder verzerrtes Abbild des Menschen. Der Affe bewegt sich auf einer breiten Skala zwischen Nachahmung und Karikatur der menschlichen Natur und Verhaltensweisen. Im 20. Jahrhundert wurde der Affe durch “Tarzan” und “King Kong” zum Trivialmythos. In den vorangehenden Jahrhunderten jedoch verkörperte der Affe in literarischen Texten oftmals einen kulturkritischen Ansatz.

Und genau dieser Art von Kulturkritik, die sich in der Verwandlung eines Menschen in einen Affen äußert, d. h. der satirischen Kritik am kulturellen Wandel einer Gesellschaft, möchte ich hier etwas genauer nachgehen, indem ich Ihnen einen frühen neugriechischen Prosatext von Iakovos Pitsipios unter dem Titel “Der Affe Xouth” vorstelle.

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Die Begriffe “Mode” und “nachäffen” nehmen im 19. Jahrhundert eine zentrale Stellung in der Kritik an einer übereilten und übertriebenen Unterwerfung unter das Diktat der europäischen Mächte ein. Vor allem an der Kleidung lässt sich der orientalische bzw. europäische Einfluss augenfällig überprüfen. Auch die Zeitungsmeldung von Pitsipios´ Tod durch Ertrinken im Bosporus hebt hervor: “der Leichnam eines Mannes, angetan mit europäischer Kleidung”. So befindet sich der gelehrte Grieche im Gewand der europäischen Bildung immer in der Position des nachahmenden Affen, sowie auch umgekehrt der gelehrte Europäer immer der Vorbildwirkung der Antike verhaftet bleibt.[1]

“Der Affe Xouth oder die Sitten des Jahrunderts” erschien 1847-8 in der von Pitsipios in Ermoupoli auf Syros herausgegebenen Zeitschrift “Schatzkammer nützlichen und heiteren Wissens”. “Der Affe Xouth” dürfte der erste griechische Roman in Fortsetzungen sein, er erschien in 7 Folgen, die letzte trägt die Anmerkung “Fortsetzung folgt” – ein Versprechen, das nie eingelöst wurde. Pitsipios lebte zw. 1800/1802 und 1869 und veröffentlichte 1839 vor Xouth noch einen weiteren Roman, “Das Waisenmädchen von Chios oder der Triumph der Tugend”, der für sich beansprucht, das Genre des Romans in die neugriechische Literatur eingeführt zu haben.

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Iakovos Pitsipios

Die Hauptfigur des Romans “Der Affe Xouth” bildet der gleichnamige Orangutan. Dieser Orangutan stellt sich in der ersten Szene des Romans als verwandelter deutscher Reisender Jakob Levi Salomon Bartholdy heraus, der die Metamorphose zu einem sprach- und vernunftlosen Wesen durchleiden musste. Und zwar aus zweierlei Gründen: einerseits als direkte Strafe für den an einem seiner Wohltäter begangenen Mord und andererseits als indirekte Strafe für seine kritische Darstellung des modernen Griechenland. Dieser Bartholdy ist eine historisch belegte Figur, die 1805 einen kritischen und wenig schmeichelhaften Reisebericht über Griechenland veröffentlichte. Er erzürnte damit die griechische Diaspora und an vorderster Stelle den herausragenden Gelehrten der griechischen Aufklärung, Adamantios Korais. Dies bildet den historischen Hintergrund der Literarisierung der Figur durch Pitsipios. Pitsipios verwandelt Bartholdy in einen der Sprache nicht mehr mächtigen Orangutan namens Xouth und lässt ihn nun aus einer literarisch-satirischen Sicht seine Lebensgeschichte erzählen.

Der Affe erlangt in der ersten Szene des Romans die Sprache wieder und beginnt seinen Bericht. Es folgt nun die Xouthsche Version über die Reiseroute und Schreibweise des historischen Bartholdy. Laut Xouth beauftragte Bartholdy gegen reichliche Bezahlung Dritte mit den Forschungen für seinen Reisebericht – ein oft erhobener Vorwurf des Plagiats, der Imitation gegen Reiseschriftsteller. Nach seiner Rückkehr nach Berlin veröffentlichte 1805 Bartholdy sein Werk, das großen Anklang fand. 1823 (wir befinden uns immer in der Romanversion von Bartholdys Lebensgeschichte) hielt er sich in Paris auf, wo auch Korais lebte, der sich in seinen Prolegomena zu Isokrates und Plutarch gegen Bartholdy gewendet hatte. Bartholdy, durch das allgemeine Lob hochmütig geworden, beschafft sich erbost die Prolegomena-Texte. Wutentbrannt sinnt er auf Rache und macht die Wohnung des alten Gelehrten ausfindig, der wagt, die veredelten aufgeklärten europäischen Völker mit dem barbarischen Orient zu vergleichen.

Dann folgt die Inszenierung der Begegnung zwischen Korais und Bartholdy-Xouth, die in Wirklichkeit niemals stattfand. Bartholdy fordert Genugtuung für die ihm angetane Schmach, Korais lehnt ein Duell ab und bietet ihm statt dessen eine intellektuelle Auseinandersetzung an. Die Europäer täten Unrecht, indem sie einer Nation immer wieder die alten Wunden aufrissen, der sie ihre ganze Zivilisation verdankten:

(…) dass schlussendlich viele der europäischen Griechenland-Reisenden sich nur vom Leben und Leiden Dritter leiten lassen und eher die Fliegen als die Bienen nachahmen in der Auswahl ihrer Themen, mit denen sie sich befassen. Oder sie geben sich den Genüssen eines sorglosen Lebens hin und kopieren die Berichte früherer Reisender, die sie unter eigenem Namen veröffentlichen, und stellen sich dadurch als lächerliche Nachäffer oder schändliche Scharlatane der Aufklärung dar…

Pitsipios bezieht sich dabei auf ein Argument von Korais, das dieser über Bartholdy geäußert hatte. Korais definiert die Menschenliebe der Reisenden folgendermaßen:

Es braucht Menschenliebe, um nicht wie die Schmeißfliege an den Abfällen eines Volkes klebenzubleiben, sondern wie die Biene auch das Gute in ihm zusammenzutragen.

Xouth-Bartholdy berichtet seine Geschichte weiter: Durch seine Gutgläubigkeit und seine Eitelkeit sei er in große finanzielle Schwierigkeiten geraten, die ihn ins Gefängnis führen. Da hilft ihm überraschend ein Landsmann, der in Paris lebt, aus der Klemme und bezahlt seine Schulden. Bartholdy zieht im Haus seines Wohltäters ein und verfällt dessen Frau, einer Megäre der schlimmsten Art. 1825 ermordet Bartholdy seinen Wohltäter und flieht nach England. Auf der Flucht erscheint ihm im Traum der Geist des Ermordeten. Am nächsten Morgen hat er die Sprache verloren und kann sich nur noch durch Zeichen verständigen. Er besteigt ein Schiff nach Amerika. Auf der Reise wird er von schrecklichen Alpträumen und Visionen verfolgt, der Tote und seine Frau lassen ihn nicht los. Er ist dem Wahnsinn und dem Selbstmord nahe; in Nea Aurelia angekommen, ergreift er die Flucht aus der Stadt, die ihm schier unterträglich ist. Er verbringt einige Zeit in einem verlassenen Waldgebiet und findet ein wenig Ruhe. Als er sich einem Dorf nähert, erscheint das Gespenst wieder in all seiner Schrecklichkeit.

Eine Stimme verkündigt ihm, dass er aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen sei, und erst wieder in ihr leben dürfe, wenn er durch die Gnade einer göttlichen Entscheidung die Sprache wiedererlange. Bartholdy-Xouth sucht sich eine Höhle und lebt einsam und allein wie ein Mensch der Steinzeit zur Sühne seines Verbrechens. Pitsipios lässt nun Bartholdy ausdrücklich zu Rousseau Stellung nehmen, indem er seinen Thesen widerspricht, die behaupteten, der Mensch könne außerhalb der Gesellschaft glücklich sein. Er zeichnet die vergehenden Tage und Monate auf und bald sind sieben Jahre in der Einöde und außerhalb der Menschen vergangen, in denen er wie ein wildes Tier lebte und unter seinem Exil litt. Seine Kleidung war schon lange aufgelöst und durch Umwelteinflüsse veränderte sich seine Haut (schwarz und behaart) und sein Gesicht, das kaum noch als menschliches wiederzuerkennen war.

Eines Tages erblickt er ein Paar europäischer Schuhe, als er einen probieren möchte, entpuppt er sich als Tierfalle. Eine Anzahl von Affenjägern nehmen ihn in Gewahrsam und ketten ihn an, sie führen ihn in die Stadt Nea Aurelia. Bartholdy-Xouth erkennt, dass ihm die Sprache versagt bleibt, obwohl er nunmehr in die Gesellschaft der Menschen zurückkehrt und auch nicht mehr von seinem Gespenst gemartert wird. Er sieht ein, dass er als sprachloses Tier unter den Menschen leben und auf die göttliche Gnade warten muss. Er wird als Affe an einen jungen Franzosen verkauft, der ihn schließlich ohne Kette hält und ihn verschiedene Hausarbeiten verrichten lässt. Als sein neuer Herr bemerkt, wie gern er Kleidung trägt, stattet er ihn dementsprechend aus: mit Hosen, Schuhen und Zylinder. Bartholdy-Xouth entschließt sich, die Rolle des Affen möglichst perfekt zu spielen und sein Schicksal anzunehmen, das ihn so für seine Untat büßen lässt.

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Der deutsche Reisende steht stellvertretend für die europäische Kultur, die sich der Mimesis der Antike verdankt. Er meuchelt seinen Wohltäter, d. h. die griechische Tradition, durch seinen kritischen Reisebericht.

Jacob Levi Salomon Bartholdy wurde 1779 Berlin in geboren und ist 1825 in Rom verstorben. Er reiste 1803-4 nach GR und veröffentlichte 1805 in Berlin seine so heiß umstrittenen “Bruchstücke zur nähern Kenntniß des heutigen Griechenlands”. Er bereiste Euboia, Thessalien, das Tempetal, das Ägäische Meer bis Smyrna. Vor Bartholdy war als einer der wenigen Reisenden aus dem deutschsprachigen Raum nur Johann Hermann von Riedesel nach Griechenland gereist. Somit zählt Bartholdys Reisebericht zu einem der ersten deutschsprachigen Zeugnisse über die real existierende Levante, die über eine Reise nach Sizilien und Rom sowie erträumte Altertümer wie bei Winckelmann, Hölderlin, Goethe und Lessing hinausgeht.

Bartholdys Bericht wird heute von Forschern der Reiseliteratur als die erste systematische Überblicksstudie eines Europäers über Griechenland betrachtet. Damals jedoch erhob sich unter den Griechen der Diaspora ein wütender Proteststurm gegen diese Schrift. Er habe sich zu unpassenden Vergleichen zwischen Alt- und Neugriechen und zwischen Griechenland und den fortgeschritteneren europäischen Nationen hinreißen lassen, woraus eine griechenfeindliche Argumentation entstanden sei.

Korais äußert sich in einer Reihe von Briefen an seinen Freund und Vertrauten Alexandros Vasileiou in Wien zwischen 1806 und 1808 über Bartholdy. Bereits im ersten Brief, in dem Bartholdy Erwähnung findet, vom 9. Mai 1806 bedrängt er Vasileiou förmlich, eine geeignete Entgegnung auf Bartholdys Behauptungen zu verfassen. Und zwar hat Korais die Veröffentlichung des Buches einer Besprechung in der “Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung” entnommen. Einige Hinweise in der Rezension lassen Korais aufhorchen und misstrauisch werden und er legt seinem Freund eine Lektüre des Buches ans Herz.

Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch gar nicht wissen, dass Bartholdy sehr ausführlich und kritisch auf seine 1803 in Paris vorgetragene Schrift “Mémoire sur l´état actuel de la civilisation dans la Grèce” eingeht. Schließlich entgegnet Korais selbst in den Prolegomena zu Isokrates 1807 und zu Plutarch 1809. Im Januar 1808 erfährt Korais, Bartholdy sei in Paris und harrt bereits auf dessen “Aufwartung”: Mir kam zu Ohren, dass wir ihn hier haben; sollte ihn der Teufel erleuchtet haben, mich aufzusuchen!

Selbst im Jahr 1815 in einem Brief an Hobhouse hat Korais Bartholdys Angriffe auf Griechenland immer noch nicht ganz verwunden. Viele Reisende, formuliert er damals, hätten aus Misanthropie und Leichtfertigkeit den Fehler gemacht, die Neugriechen mit den aufgeklärten Völkern Europas zu vergleichen, zu einem Zeitpunkt, als erstere gerade anfingen, sich von ihrer Unterjochung moralisch zu befreien.

Bartholdys Werk besteht aus mehreren Genres: der Abhandlung, der einfachen historischen Erzählung und aus Briefen bzw. Tagebuchaufzeichnungen. Im Abschnitt “Ueber die Cultur der Neugriechen, über ihren Tanz, ihre körperliche Bildung, und den Zustand der Bildhauerei, Malerei und Poesie unter ihnen” entwirft Bartholdy seine Argumentation im Dialog mit Korais´ “Mémoire sur l´état actuel de la civilisation dans la Grèce”.

Er nimmt folgende Stellung in der Frage Griechenland zwischen Orient und Okzident ein: Er bildet sich sein Urteil über die Griechen als Abendländer und nicht als Orientalen, die er in einem eigenen Kapitel über die Türken ausdrücklich gegen die Vorurteile der Abendländer verteidigt. Auch bildlich werden die Beschriebenen dargestellt: Der Maler und Kupferstecher und Archäologe Georg Christian Gropius gehörte zu Bartholdys Reisegesellschaft und seine Illustrationen schmückten schließlich den Reisebericht.

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Bartholdy kritisiert Korais, der verschiedene Phänomene als vergangen und überwunden darstellt, die es – seiner Meinung nach – bei weitem noch nicht seien. Was etwa die Rolle des abergläubischen und unwissenden Klerus betrifft,  hält Bartholdy die von Korais hervorgehobene Anzahl der Gelehrten und Bücher in Griechenland für übertrieben. In Bartholdys Augen schildert Korais die Übel der Gegenwart und nicht die der Vergangenheit. Und auch über den Zustand der Bildung fällt er ein hartes Urteil. Seine Position zu Original und Imitat, Urbild und Abbild ist eindeutig:

Aber die Enförmigkeit, Beschränktheit und Langweiligkeit in der Unterhaltung ist kaum zu verwinden. Hierzu kommt der gränzenlose Stolz und die Eitelkeit auf Vorfahren, deren Namen und Geschichte sie nicht einmal kennen. Die Ziererei und Affectation, zuweilen europäische Sitten und Gebräuche nachzuahmen u. s. w. Ein Mann in Korinth, den ich kenne, hatte gehört, dass die Franken höhere Sophas hätten, als in der Levante üblich sind; er ließ sich daher einen so hohen verfertigen, dass man schlechterdings nicht ohne Schemmel oder Sprung hinauf kommen konnte. Solche Carricaturen sieht man alle Tage.

Zum Abschluss äußert sich Bartholdy nochmals zusammenfassend über die kulturellen Leistungen der Neugriechen. Die Wissenschaft und Künste seien verwahrlost, die Griechen geistlos und entkräftet:

Mir erscheint Griechenland wie ein ehemals herrlicher Wald, der voll der ältesten und seltensten Bäume stand. Diese sind sämmtlich gefällt worden, und die Hoffnung, frische Stämme den alten Stümpfen aufzusetzen, ist verloren. Ja es erschweren diese schlechten Stubben eben die neue Kultur, obgleich es nichts weniger als unmöglich ist, sie auszurotten und wegzuräumen, und eine neue Schonung anzulegen. Ob und wie diese nun gedeihen werde, liegt verborgen; zumal da man jetzt fremde Hölzer einheimisch machen wird, wo zuvor die Natur alles freiwillig und freudig gab. Die Vertreibung der Türken aus Europa ist nur eine erste Bedingung, und es ist lächerlich vor der Hand von den Neugriechen große Dinge verheissen zu wollen, da es schon Mühe kosten wird, sie den übrigen europäischen Nationen auch nur gleich zu machen.

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Wer war eigentlich dieser Jakob Salmonon Bartholdy? Wenn man sein familiäres Umfeld und seine Konversion vom Judentum zum Christentum näher betrachtet, kommt man nicht umhin, eine aufeinander folgende Verwandlung von Familiennamen und die Metamorphosen von Identitäten zu beobachten.

Gibt man den Namen Bartholdy beispielsweise in die Suchmaschine einer Datenbank ein, so werden eine Fülle von Titeln zu Felix Mendelssohn Bartholdy ausgespuckt. Unser Bartholdy hat nun tatsächlich etwas mit der Familie Mendelssohn Bartholdy zu tun, und zwar war er der Bruder von Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdys Mutter Lea, geb. Salomon. Jakob S. Bartholdys Großvater (mütterlicherseits) war Daniel Itzig, als Hofbankier, Münzunternehmer, Lederfabrikant und Eisenhüttenbesitzer einer der reichsten Juden seiner Zeit.

Itzig hatte 1779, also im Geburtsjahr seines Enkels Jakob, die “ehemalige sogenannte Bartholdis Meyerey vor dem Schlesischen Thore mit allen Gebäuden, Gärten, Feldern und Wiesen, auch das dazu gehörige Inventarium inclusive der Mühle und Müller-Haus vor dem Schlesischen Thore” erworben. Dort hatte Bella Salomon nach dem Tod ihres Mannes, Jacob Levin Salomon, ihre drei Kinder aufgezogen (Jakob, Isaak, Lea). Das Gut war nach dem hohen preußischen Beamten Friedrich Christian Freiherrn von Bartholdy benannt worden, der 1714 kinderlos verstorben war. Daniel Itzig hatte durch Friedrich Wilhelm II 1791 ein Naturalisationspatent erhalten, der ihm mitsamt seiner Nachfahren und angeheirateter Personen zubilligte, als christliche Bürgerfamilie mit den gleichen Rechten wie Christen behandelt zu werden. Dadurch war Abraham Mendelssohn, der Gatte von Bartholdys Schwester Lea und Vater von Felix und Fanny, 1804 preußischer Bürger geworden.

Sebastian Hensel, der Sohn Fanny Mendelssohn Bartholdys, hat einen Brief Jakob Salomon Bartholdys an seinen Schwager Abraham Mendelssohn überliefert, in dem Bartholdy versucht, Mendelssohn von der Richtigkeit der Konversion zu überzeugen:

Man kann einer gedrückten, verfolgten Religion treu bleiben, man kann sie seinen Kindern als eine Anwartschaft auf ein sich das Leben hindurch verlängerndes Märtyrertum aufzwingen – solange man sie für die alleinseligmachende hält. Aber sowie man dies nicht mehr glaubt, ist es eine Barbarei. – Ich würde raten, dass Du den Namen Mendelssohn Bartholdy zur Unterscheidung von den übrigen Mendelssohns annimmst, welches mir um so angenehmer sein wird, da es die Art ist, auch mein Andenken bei ihnen zu erhalten, und worüber ich mich herzlich freue. So erreichst du Deinen Zweck, ohne etwas Ungewöhnliches zu tun – denn in Frankreich und überall ist es Brauch, den Namen der Verwandten der Frau dem seinigen als Unterscheidung beizufügen.

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Abraham hatte seine Kinder christlich erzogen und sie allesamt 1816 taufen lassen, während er mit seiner Frau 1822 übertrat und fortan, ganz im Sinne seines Schwagers, den Doppelnamen Mendelssohn Bartholdy[2] trug zur Unterscheidung von den jüdischen Mendelssohns (v.a. seinem Bruder Joseph). Ahnherr der Mendelssohn-Familie war Moses ben Mendel, der sich zunächst, nach seinem Geburtsort, Moses Dessau nannte und später als Autor gelehrter Werke seinen Namen in “Moses Mendelssohn” eindeutschte.

Sebastian Hensel schreibt in seiner Familienbiographie der Mendelssohns über die allgemeine Lage der Juden in Preußen zur Zeit von Moses Mendelssohn:

Hier war ihnen das Wohnen in Eckhäusern verboten, dort wurde ihnen nur eine bestimmte Anzahl Heirathen erlaubt, überall aber belastete man sie ausser den allgemeinen Staatssteuern noch mit den verschiedenartigsten Abgaben, theilweise ausgesucht beleidigender Art. So z. B. wurde unter Friedrich Wilhelm I. die Berliner Judenschaft genöthigt, die auf den grossen Hofjagden erlegten Wildschweine zu kaufen, und unter Friedrich dem Grossen musste jeder Jude bei seiner Verheirathung für eine bestimmte Summe Porzellan aus der neugegründeten K. Porzellanmanufaktur in Berlin entnehmen, und zwar nicht nach eigener Wahl, sondern nach dem Belieben der Manufaktur, die sich auf diese Weise natürlich ihre Ladenhüter vom Halse schaffte. So bekam Moses Mendelssohn, der damals schon allgemein bekannte und geachtete Mann, 20 lebensgrosse, massiv porzellanene Affen, von denen sich noch einige in der Familie erhalten haben.[3]

1812 hatte Friedrich Wilhelm II das Emanzipationsgesetz unterzeichnet, das die bisherigen “Schutzjuden und Fremden” in “Einländer und preußische Staatsbürger” umwandeln sollte. Die preußischen Juden mussten nun feste Familiennamen annehmen. Bella Salomon, Witwe des Bankiers Jacob Salomon, nahm damals den Namen Bartholdy an, wobei sie geltend machte, dass ihre Söhne Jacob und Isaac diesen Namen schon einige Jahre führten. Jakob hatte sich einigen Quellen nach 1799 (das wäre das Todesjahr seines Großvaters Daniel Itzig und vor seiner Reise nach Griechenland gewesen), anderen Quellen nach 1805 (also erst nach seiner Reise nach Griechenland) protestantisch taufen lassen. Eine Pikanterie am Rande dabei ist, dass Bella Salomon ihrem Sohn Jakob die Konversion erst 1821 endgültig verzieh, als die junge Fanny Mendelssohn Bartholdy für ihren Onkel bei ihr intervenierte.

Zu diesem Zeitpunkt war Jakob Salomo Bartholdy schon längst preußischer Generalkonsul in Rom und preußischer Geschäftsträger am Toskanischen Hof. Er war bald nach Erscheinen seiner griechischen Reiseschilderungen in den diplomatischen Dienst getreten, zunächst unter Staatskanzler Hardenberg. Er verfasste noch einige weitere historische Arbeiten: 1814 veröffentlichte er ein Geschichtswerk über den “Krieg der Tyroler Landleute im Jahre 1809”, 1822 die Studie “Denkschriften über die geheimen Gesellschaften im mittäglichen Italien, und insbesondere über die Carbonari” und schließlich 1824 eine Biographie des Kardinals Hercules Consalvi. Er soll bis knapp vor seinem Tod 1825 an einem Manuskript über die Gläser des Altertums gearbeitet haben. In der Kunstgeschichte hatte er sich einen Namen als Förderer und Auftraggeber der sog. Nazarener gemacht, junger deutscher Künstler, die einen Raum seiner Residenz in Rom, die Casa Bartholdy, mit Fresken ausmalten.

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Weiters ist interessant, dass Jakob Salomon Bartholdy nicht der einzige im Umfeld des Mendelssohn-Clans war, der sich für das moderne Griechenland interessierte. Wilhelm Hensel, der Ehemann von Fanny Mendelssohn Bartholdy, hatte im Rausch der Begeisterung über den griechischen Aufstand einige philhellenische Verse verfasst. Felix Mendelssohn Bartholdys ältester Sohn Karl verfasste eine Monographie über Kapodistrias und schließlich ein zweibändiges Werk über die Geschichte Griechenlands seit 1453. Er stand in Kontakt zu griechischen Gelehrten und war insgesamt viermal nach Griechenland gereist. Seine akademische Laufbahn – er war inzwischen Professor in Heidelberg und Freiburg geworden – wurde durch den Ausbruch einer seelischen Krankheit jäh abgebrochen, die ihn für fast 30 Jahre in eine geschlossene Anstalt führte, wo er auch, vergessen und von seiner Familie totgeschwiegen, starb.

Die Verwandlung des Reisenden Jakob Salomon Bartholdy in einen Orangutan wird in Pitsipios´ Text auch durch die angebliche exorbitante Hässlichkeit Bartholdys erläutert. Im “Neuen Nekrolog der Deutschen”, 1825, findet sich ein Nachruf mit folgender, nicht gerade schmeichelhaften, Personenbeschreibung:

Bartholdy war klein und schmächtig von Gestalt, etwas höckerig und auch seine Beine trugen Spuren eines frühern rhachitischen Uebels. Sein Kopf war rein morgenländisch, die jüdische Abkunft auf den ersten Blick unverkennbar. Die Haare waren schwarz, beinahe negerartig und früh mit Grau gemischt. Das Gesicht war voll Sagazität <Scharfsinn>, nur durch schwache häufig etwas entzündete Augen entstellt.

Die Verwandlung des deutschen Griechenlandreisenden Bartholdy in einen Orangutan gewinnt eine weitere Dimension, wenn man im Vergleich dazu die Amsterdamer Briefe von Korais´ Diener Stamatis Petrou über die schrittweise innere und äußere “Metamorphose” und “Verwestlichung” seines Herrn liest. 1771 begleitet Petrou einen Teilhaber seines Dienstherrn wiederum nach Amsterdam, den blutjungen Adamantios Korais. Petrou verfolgt mit Argwohn die Veränderung des jungen Kaufmanns, der mit den Einstellungen eines traditionellen orthodoxen Christen nach Amsterdam kommt und rasch den neuen Strömungen “erliegt”. Zwischen 1772 und 1774 schreibt Petrou vierzehn lange Briefe an seinen Dienstherrn, in denen er Korais´ schrittweise Verwandlung beobachtet und schildert. Dabei handelt es sich um ein seltenes Zeugnis über den Eindruck, den Europa auf einen jungen, unerfahrenen Griechen macht, durch die Perspektive eines des Schreibens kundigen “einfachen Mannes aus dem Volk”. Und Korais reagiert vielleicht deshalb so scharf auf Bartholdy, weil er sein eigenes überwundenes Ich in den Reiseschilderungen vor sich sieht, das er erst langsam und in Europa abstreifen konnte. Petrou repräsentiert die kollektive Mentalität der konservativen, der Tradition verhafteten griechischen Bevölkerung, währenddessen Korais den Übergang zum liberalen Bürgertum nach europäischem Muster darstellt.

Die entstehende Spaltung in der griechischen Gesellschaft zwischen den Traditionalisten und den Aufklärern illustrieren Petrous Briefe sehr anschaulich. Petrou erschrickt vor der Nachahmung des Anderen und Neuen im Gegensatz zur gewohnten Wiederholung und Nachahmung des Bekannten und Vertrauten. Innerhalb eines Jahres verändert sich der junge Kaufmann in für Petrou haarsträubender Weise. Der größte Skandal ergibt sich aus dem Wechsel von orientalischer zu europäischer Kleidung. In einer Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Szenerie schildert Petrou, wie Korais zögert und sich mit griechischen Kollegen beratschlagt, ob er nicht tagsüber die orientalische und nachts die westliche Kleidung anlegen soll, um mit seiner “amorosa” ausgehen zu können.

Er, der zu anfangs weder seinen Umhang ablegen noch seinen Schnurrbart abschneiden wollte, bestellt nun tagtäglich den Perückenmacher zu sich, damit er ihn eine Stunde lang frisiert. Wenn jemand Ware besichtigen möchte, muss er so lange warten, bis seine Perücke fertig frisiert ist, bevor sie sich über Geschäfte unterhalten können. Bevor er in die Handelsbörse geht, kleidet er sich von halb elf bis halb ein Uhr an und hat stets den Spiegel bei sich, die Pinzette und eine kleine Schere, als sei er eine Jungfrau. Er hat sich darüberhinaus noch die abstoßende Eigenart angewöhnt, immer vor dem Spiegel zu stehen. Sein Hut gleicht dem französischer Komödianten; die Schnallen seiner Schuhe trägt er nicht wie alle anderen Händler, sondern er ahmt seinen Sekretär nach, der sie verkehrt herum auf den Schuhen trägt und er tut es ihm gleich.

Stamatis Petrou könnte man auch als Korais´ Schatten- oder Doppelgängerfigur bezeichnen; Korais verhält sich Petrou gegenüber so unleidlich, weil er sein eigenes früheres, nunmehr abgelegtes Ich in ihm erkennt und seine eigenen Ängste vor einer Metamorphose verarbeitet. Der kulturelle Wandel einer Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht wird im Bild der Verwandlung einer bestimmten Person kodiert. Der kulturelle Wandel wie auch die individuelle Verwandlung sind unheimlich und angsteinflößend.

Zu Korais´ Verwandlungsszene lässt sich gut das Einleitungskapitel des Fragments “Der Affe Xouth” assoziieren:

Kallistratos Evjenidis ist im Jahre 1844 nach Studien im aufgeklärten Europa nach Athen zurückgekehrt und gilt als einer der hoffnungsvollsten jungen Männer. Der Orangutan Xouth war in London in seinen Besitz gelangt. Kallistratos ist der Sohn eines Lastenträgers aus Trapenzunt, der unvermutet während des Aufstands zu Reichtum gekommen war und ihn seinem Sohn, den er nach Europa schickte, hinterließ. Kallistratos, der eigentlich Kolias hieß, änderte in Europa seine Identität. Aus dem Lastenträger wird also ein Kämpfer für das Vaterland und aus dem Mann aus Trapenzunt ein Bankier. Er lässt keine Mode aus Europa aus, die er nicht sogleich übernimmt und perfektioniert: Kleidung, Schuhe, Frisur, Hutmode. In der Anfangssequenz wird seine Athener Wohnung beschrieben, die jegliche europäischen Moden nachäfft; in der Kallistratos-Figur parodiert Pitsipios einesteils die Orientalismus-Manie der Europäer und andernteils die Vergangenheits- und Herkunftsfälschung in Kallistratos Evjenidis´ Leben. Der lässt nämlich seinen angeblichen Vater als Freiheitskämpfer der ersten Stunde in Fustanella darstellen sowie seine angebliche Mutter als europäische lesende Dame malen, die aus einem byzantinischen Adelsgeschlecht stammen soll.

Kallistratos folgt auch der europäischen Mode der Archäologie und hat eine ganze Sammlung angelegt: die Brillen Homers, die Tabakdose des Sokrates, die Pfeife des Peisistratos, die Schuhe des Diogenes. Das Ankleidezimmer und die Schönheitswässerchen werden besonders ausführlich beschrieben. Er befindet sich im Besitz der Rasierklingen Alexanders d. Gr., die er in Paris um nur 10000 Francs erstanden hat. Xouth bedient seinen Herrn bei seiner morgendlichen Schönheitsbehandlung und Rasur mit den berühmten Rasierklingen. Es kommt nun zu einer Szene, in der der Affe Xouth seinen Herrn nachahmt und versucht sich zu rasieren. Dabei wird er von Kallistratos unterbrochen. Xouth lässt die Klingen fallen, die zerbrechen und Kallistratos lässt seiner Wut freien Lauf, schleudert seinen Bedienten im Zimmer herum und verprügelt ihn nach Strich und Faden. Schließlich zückt er seinen Degen und in diesem Moment erlangt der Affe seine Fähigkeit zu sprechen wieder und beginnt seine Lebensgeschichte zu erzählen.

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Oft schlüpft der Satiriker in die Rolle des Affen, die ihm einen anderen Blick auf die Menschheit erlaubt, oder in die des Reisenden in die eigene Heimat, wobei den Landsleuten den Spiegel vorgehalten wird. Der Affe wird zum Nachahmer der menschlichen Natur, zur imago hominis, zum Doppelgänger des Menschen, und damit letztendlich zu seiner Karikatur. Der Kulturmensch wird als gelehriger Affe wiedergegeben, der dressierte Affe zum Bildungsziel unserer Kultur. Die andere Seite ist der Affe als Saboteur aller Kultur, als Symbol der verdrängten Wünsche und schlimmsten Befürchtungen: wie zum Beispiel als Mörder. Ein Widerspruch tut sich auf zwischen der grundsätzlichen Dressurfähigkeit und der grundsätzlichen Undressierbarkeit des Affen. Der literarische Affe artikuliert Kulturkritik, indem er die Aufklärung in Zweifel zieht. Hinter all diesen Manövern wird Rousseaus Kulturkritik greifbar: der Affe als zweifache Metapher – einerseits für den von Rousseau als widernatürlich bezeichneten Kulturmenschen, andererseits für den unschuldigen Naturmenschen, den bon sauvage.

Die Stellung der griechischen Satiriker und Kulturkritiker liegt irgendwo dazwischen: zwischen der Kritik an der abendländischen Zivilisation, die sich doch auf die “ureigene” griechisch-antike Tradition beruft, und der Rousseauschen Sehnsucht nach der Rückkehr zum Originalen und Authentischen.

[1]Der Kulturmensch wird des öfteren als gelehriger Affe, der dressierte Affe als Bildungsziel unserer Kultur dargestellt. Dabei wird gelungene Kultur zur gelungenen Anpassung, Anpassung zur gelungenen Nachahmung. Die andere Seite ist der Affe als Saboteur aller Kultur, als Symbol der verdrängten Wünsche und schlimmsten Befürchtungen. Ein Widerspruch tut sich auf: die grundsätzliche Dressurfähigkeit und die grundsätzliche Undressierbarkeit des Affen. Gerigk, H.-J.: Der Mensch als Affe in der deutschen, französischen, russischen englischen und amerikan. Literatur des 19. u. 20. Jhdts. Hürtgenwald, Guido Pressler Verlag 1989.

[2]Schneider, M. F.: Mendelssohn oder Bartholdy? Zur Geschichte eines Familiennames. Basel 1962.

[3]Die Familie Mendelssohn. 1729-1847. Nach Briefen und Tagebüchern. Von S. Hensel. Mit 8 Porträts, gezeichnet von Wilhelm Hensel. Berlin: B. Behr´s Buchhandlung (E. Bock) 1880, 1-2.

Text: Michaela Prinzinger. Fotos: Illustrationen von Georg Christian Gropius aus  J. L. S. Bartholdy’s “Bruchstücke zur nähern Kenntniß des heutigen Griechenlands”, 1805.

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