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Schreibst du noch oder übersetzt du schon?

Interview von Michaela Prinzinger mit Olaf Kühl, Übersetzer aus dem Polnischen und Russischen, anlässlich seiner Gastprofessur im Wintersemester 2011/12 an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Schwerpunkts “Poetik der Über­setzung” für MDÜ, die Mitgliederzeitschrift des Bundesverbandes für Übersetzer und Dolmetscher (BDÜ).

2016 haben der polnische Autor Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl den mit 20.000 Euro dotierten „Brücke Berlin“-Preis der BHF-Bank-Stiftung erhalten. Die Auszeichnung geht jeweils zur Hälfte an Autor und Übersetzer.

DrachWelche Bedeutung hat für Sie die Wilhelm-August-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung?

Die Gastprofessur ist für mich eine große Auszeichnung. Sie soll Gelegenheit geben, die eigene Erfahrung als Übersetzer kritisch zu reflektieren. Es geht weniger darum, an der Universität das eigene Handwerk zu vermitteln. Die Mehrzahl meiner Studenten kommt aus dem Bereich Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, das sind sehr aufgeschlossene und intelligente junge Leute. Vom Chinesischen bis zum Italienischen sind viele Kulturkreise vertreten, am wenigsten noch meine eigenen, d.h. die slawischen Sprachen. In den anregenden Diskussionen mit meinen Studenten lerne ich wahrscheinlich mehr, als sie von mir. Es ist zumindest ein zweiseitiger Prozess.

Wie kam es, dass Sie sich auf Literaturübersetzungen aus dem Polnischen spezialisiert haben?

Das kam ungeplant, wie so vieles in meinem Leben. Ich hatte schon während des Studiums der Slawistik und osteuropäischen Geschichte sowjetische kunsthistorische Texte übersetzt. Nach dem Studium lud Prof. Rolf Fieguth mich zur Mitarbeit an der neuen Gombrowicz-Gesamtausgabe bei Hanser ein. Auf einmal war ich im Betrieb und bekam von da an ständig Aufträge. Das war auch ökonomisch die Rettung für mich, denn nach mir als vermeintlichem Osteuropa-Spezialisten krähte ansonsten erst mal kein Hahn. Schon seit den 80er Jahren übersetzte ich außerdem Schadenakten aus osteuropäischen Ländern für deutsche Haftpflichtversicherer. Das bringt im Gegensatz zur Literatur gutes Geld, beansprucht aber nur einen Bruchteil der Gehirnkapazitäten.

Wie schaffen Sie es, Fachübersetzen, Literaturübersetzen und eigene literarische Aktivitäten – so die Arbeit an Ihrem Roman „Tote Tiere“ – unter einen Hut zu bringen? Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?

Erstens haben wir keinen Fernseher. Zweitens glaube ich, je mehr man zu tun hat, desto mehr Zeit hat man auch. Die Leute mit den größten Terminschwierigkeiten sind meistens Rentner oder andere, bei denen man sich den Zeitmangel überhaupt nicht erklären kann. Zeit ist keine absolute Größe. Seit ich 1988 – auf Anraten von Karl Dedecius – im Sprachendienst der Berliner Senatskanzlei angefangen habe, bin ich ja auch noch vier Tage die Woche dort beschäftigt, seit fünfzehn Jahren nicht mehr als Dolmetscher, sondern in der Auslandsabteilung. Drittens habe ich kein Auto und lese zwei Stunden täglich in der S-Bahn das, was ich ohnehin lesen muß – also etwa osteuropäische Bücher, die ich für Verlage begutachte. Eins greift in das andere, um das Wort Synergien nicht zu strapazieren. Für den Regierenden Bürgermeister musste ich mich intensiv mit der Tschetschenien-Frage befassen; als ich Arkadi Babtschenkos Kriegserinnerungen übersetzte, kamen mir diese Kenntnisse für mein Nachwort zugute. Bei meinem Roman „Tote Tiere“ (Rowohlt Berlin 2011) waren mir die Details der Chodorkowski-Prozesse schon von meiner dienstlichen Tätigkeit her präsent. Der Wechsel von der einen zur anderen Tätigkeit hat auch etwas Erfrischendes. Der Ping Pong zwischen Politik, öffentlicher Verwaltung und Literatur hält die Wahrnehmungsfähigkeit wach. Wenn man ein paar Stunden Stasiuk übersetzt hat, tut es sehr gut, im Roten Rathaus Menschen zu begegnen, die ganz andere Dinge im Kopf haben und viel praktischer denken.

Tote_TiereWie würden Sie den Unterschied zwischen Fachübersetzen und Literaturübersetzen beschreiben? Inwiefern verhalten sich die Übersetzer anders, wenn sie einen Fachtext oder Literatur vor sich haben?

Das Ideal eines reinen Fachtextes ist die Eindeutigkeit. In der Wartungsanleitung einer Boeing 747 muss ein Schräubchen im ersten der tausend Aktenorder exakt so bezeichnet werden wie im letzten. Von hier bis zur Literatur ist es eine Gradskala. Sehr herausfordernd finde ich philosophische Texte, bei denen die terminologische Transparenz ebenfalls wichtig, aber längst nicht so eineindeutig ist wie in technischen Texten. Meine höchste Bewunderung gilt sprachlich gelungenen Übersetzungen schwieriger philosophischer oder psychoanalytischer Texte, etwa Eva Moldenhauers Übertragungen von Paul Ricoeur. Das ist im Deutschen ein Lesegenuss.

Ein Markenzeichen des literarischen Übersetzens – im Gegensatz zum Fachübersetzen –  ist ja das Mehrdeutige. Wie kann man es erhalten, ohne unverständlich zu werden? Können Sie Beispiele geben?

Ohne die Mehrdeutigkeit der Sprache wäre das Übersetzen längst ein automatisierter Prozess, wie er es für viele standardisierte Textsorten schon ist. Aber so lange man bei Google für „fluent Polish“ „flüssiges Poliermittel“ bekommt, darf man sich weiter auf die Unzulänglichkeit der Maschinen verlassen. Wo sich das Denken in der Sprache wirklich entfaltet, wo also nicht fertige Gedanken verfasst werden, sondern jemand auf der Suche ist – dort ist die Mehrdeutigkeit der Humus, aus dem Neues wächst. Und dort ist auch der Übersetzer wirklich gefordert. Er wird zum Deuter, denn oft lässt sich Mehrdeutigkeit nicht ganz retten, dann muß man Entscheidungen treffen, und jede Entscheidung ist Interpretation. Es ist ein Glücksfall, wenn man bei einem zweideutigen Titel wie Dorota Masłowskas Paw Królowej (wörtlich „Der Pfau“ oder aber „die Kotze, der Brecher“ „der Königin“) mit Reiherkönigin einigermaßen im Bilde bleiben kann.

In Ihrer Antrittsvorlesung ziehen Sie die Freudsche „Traumdeutung“ heran, um die Funktionsweise von Literatur, aber auch von literarischem Übersetzen zu beschreiben. Würden Sie uns das genauer erläutern?

Freud in der „Traumdeutung“ und die klassische Psychoanalyse überhaupt arbeiten sehr stark mit der Sprache. Begriffe wie „Verschiebung“ und „Verdichtung“ haben ihre Äquivalente in der Rhetorik (Metonymie und Metapher). Das hat mich schon in meiner Arbeit über Witold Gombrowiczs inspiriert, in der ich Verbindungen zwischen der Psychologie dieses Autors und seinem Stil aufgezeigt habe. Übersetzung als Traumdeutung zu sehen ist ein fruchtbarer Gedanke und beinhaltet vor allem, dass der Autor nicht immer Herr im eigenen Haus ist. Ein Text kann Dinge sagen, von denen der Verfasser nichts weiß, die er sogar bestreiten würde. Daher rührt mein unbedingter Respekt vor dem Text als letzter Instanz. Freud hat empfohlen, den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht auf seinen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zu zerlegen und die Assoziationsfäden zu verfolgen, die von jedem der nun isolierten Elemente ausgehen. Übersetzung in diesem Sinne wäre dann die Aufdeckung der latenten Traumgedanken.

Mir scheint der Begriff „Fremdheit“ wichtig, um sich der Frage des Literaturübersetzens anzunähern, so wie ihn Julia Kristeva in „Fremde sind wir uns selbst“ verwendet.  Einerseits erinnert der Akt des Übersetzens beständig daran, dass Fremdes angeeignet wird, andererseits ist Übersetzen gerade das Verheilen der Fremdheit und der Differenz. Dennoch bleibt von diesem Heilungsprozess immer eine sichtbare Narbe zurück. Empfinden Sie das ähnlich?

Die Kunst besteht darin, diese Narbe sichtbar zu lassen, aber nicht als hässlichen Wulst, sondern als Zeichen eines Sieges, eines Fortschrittes in der Erkenntnis und in der Ästhetik, der ohne diesen gewagten Schritt nicht erreicht worden wäre.

Inwiefern ist Übersetzung für Sie auch ein Akt der Unterwerfung, der Assimilierung, der Kolonisierung, ja gar der Auslöschung des „Fremden“ in der eigenen Sprache?

Das kommt bei schlechten Übersetzungen vor und ist vielleicht Symptom einer Globalisierung der Literatur, bei der Autoren sich von vornherein überlegen, was übersetzbar sein wird und was nicht. Bei manchen polnischen Autoren beobachte ich eine vorauseilende Anverwandlung an deutsche Lesegewohnheiten, weil das Deutsche für sie ein so wichtiges Einfallstor in die Weltliteratur ist. Das lässt sich dann schon an den Buchtiteln ablesen. Spannender ist es, wenn umgekehrt das fremde Denken, die andere Sprache das Eigene unterwandern und zu verändern beginnen.

MaslowskaJetzt eine Frage, die angesichts des Drucks, den der Markt auf Literaturübersetzer ausübt, „massenkompatibel“ zu übertragen, vielleicht müßig erscheint: Wo ist Ihre Position zwischen den zwei Übersetzungstheoretikern – Luther und Schleiermacher? Der eine plädiert nämlich für das „Verdeutschen“, also die vollständige Integration in die Zielkultur, der andere für das „Verfremden“, also das Bewahren des „Urtextes“ in der Übersetzung. Kann man sich solche Überlegungen als Übersetzer, der für große Publikumsverlage arbeitet, überhaupt leisten?

Von einer Übersetzung wird viel mehr sprachliche Korrektheit verlangt als vom Original. Solange der Lektor nicht beurteilen kann, ob Holprigkeiten sich übersetzerischer Unfähigkeit oder dem Willen des Autors verdanken, wird er das Unebene immer begradigen wollen. Als junger Übersetzer will man erst einmal gefallen, will ins Geschäft kommen und kann sich die Konfrontation gar nicht leisten. Heute neige ich selbst stärker dazu, das Fremde durchscheinen zu lassen und dem deutschen Leser mehr abzuverlangen. Es gibt Übersetzer, wie Friedhelm Rathjen in seiner Neuübersetzung von Herman Melvilles Moby Dick, die da viel mutiger sind und sich zumindest bei einem Teil des Publikums durchsetzen.

Wie halten sie das mit der Treue beim Übersetzen? Das alte Bonmot sagt ja, mit den Übersetzungen sei es wie mit den Frauen, nur die untreuen seien schön. Das Interessante ist ja, dass der Übersetzer umso sichtbarer wird, je treuer er ist, und umso unsichtbarer, anonymer und unbemerkter, je „assimilierter“ an die Zielsprache seine Übertragung ist.

Ich glaube, das ist eine Frage der Definition von Schönheit. Mit glatter Model-Ästhetik, die vorgegebene Erwartungshaltungen befriedigt, wird die Treue immer kollidieren. Aber wie bei den Frauen gibt es auch bei den Übersetzungen eine Schönheit höheren Grades, die viel mit Intelligenz zu tun hat. Witold Gombrowicz ist auch im Polnischen nicht „schön“, und Elfriede Jelinek nicht im Deutschen.

Würden Sie Wilhelm von Humboldt zustimmen, der sagte, das Übersetzen diene “zur Erweiterung der Bedeutsamkeit und der Ausdrucksfähigkeit der eignen Sprache”?

Auf jeden Fall. Übersetzen ist geradezu eine handwerkliche Schule für den eigenen Stil. Gerade wenn man sich darauf einlässt, Texte aus entlegenen, fremden Epochen zu übertragen, etwa dem polnischen Jugendstil. Wacław Berent, sehr manieristisch, oft abstoßend verquast, hat in meiner eigenen Sprache – quasi als Überlebensreaktion – Mittel provoziert, die sonst weiter geschlummert hätten. An solchen Herausforderungen wächst die eigene Sprache. Je fremder die andere Ausdrucksweise, desto besser.

Und noch so ein schönes Zitat von Wilhelm von Humboldt: “Alles Übersetzen scheint mir schlechterdings ein Versuch zur Auflösung einer unmöglichen Aufgabe. Denn jeder Übersetzer muss immer an einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder auf Kosten des Geschmacks und der Sprache seiner Nation zu genau an sein Original oder auf Kosten seines Originals zu sehr an die Eigentümlichkeiten seiner Nation zu halten. Das Mittel hierzwischen ist nicht bloß schwer, sondern geradezu unmöglich.” Ist es wirklich unmöglich?

Diese Gradwanderung ist gerade die hohe Kunst. Von vornherein unmöglich ist sie nicht, vorausgesetzt, man hält das Übersetzen überhaupt für möglich.

Der_wahre_SohnJacob Grimm hat behauptet, die deutsche Sprache sei wegen ihrer Pedanterie, ihrer verstockten Beharrlichkeit, ihrer bedächtigen Genauigkeit und ihres Hangs zu schmuckloser Einfachheit für Übersetzungen besonders geeignet. Können Sie das aufgrund Ihrer Erfahrungen bestätigen?

Pedanterie und Beharrlichkeit mögen sich für philosophische Ausführungen eignen. Angesichts des Rhythmus und der Bilderkraft slawischer Literaturen sind sie schon überfordert. Es scheint ohnehin, dass man sich auf die eigene Sprache oft sehr viel einbildet, was nur Bestand hat, solange es nicht mit dem Fremden konfrontiert wird.

Ich habe in meinem Seminar erfahren, dass die Italiener das deutsche Wort „Zeitgeist“ nie übersetzen, weil sie der Meinung sind, jede Übersetzung würde seine Bedeutung unzulässig einengen. Da scheint mir ein übertriebener Respekt vorzuliegen. Die berühmte deutsche Tiefe bezieht sich oft nur aus der Beschwörungskraft rhetorischer Figuren wie etwa der Alliteration. Ich habe mir manchmal überlegt, dass man eine Art Stilzerstörungsprogramm entwickeln müsste, um Texte auf ihren gedanklichen Gehalt zu prüfen. Eine Art Stilzerstörung ist es auch schon, wenn man selbst in andere Sprachen übersetzt wird. Man stellt dann plötzlich Untiefen im eigenen Gedankengang fest, die vorher von idiomatischer Suggestivität kaschiert waren. Die Übersetzungen von Hegel ins Englische haben ganz frischen Wind in die Auslegung seiner Philosophie gebracht. Also, so sehr ich das Deutsche liebe, so wenig glaube ich an seine Sonderrolle.

Ihre Website nennt sich www.similitudo.de. Wollen Sie damit andeuten, dass es sich beim Übersetzen niemals um das „Gleiche“ in einer anderen Sprache handeln kann, sondern prinzipiell nur um das „Ähnliche“, das „Angenäherte“?

Der Begriff der Ähnlichkeit inspiriert mich seit langem, nicht nur in Bezug auf die Übersetzung. Der Begriff durchzieht alle Bereiche menschlichen Denkens, von der Theologie bis hin zur Computertheorie. Eine Zeitlang habe ich mich viel mit dem Programmieren in C und PASCAL befasst und Arbeiten über Sequence Comparison studiert. Ein Thema, das beim automatischen Textvergleich, aber auch in der Genetik eine große Rolle spielt. Ähnlichkeit per se gibt es nicht, sie hängt – wie die Übersetzung – von einem tertium comparationis ab, einem Dritten, einem Maßstab. Und Ähnlichkeit ist ein gutes Mittel zur Täuschung, was mich ebenfalls sehr interessiert. Irgendwann werde ich ein Buch darüber schreiben.

Erschienen in: MDÜ 1/12, S. 38 – 41.

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