Markaris_80

Happy Birthday, Petros Markaris!

Heute wird Petros Markaris 80 Jahre alt, alles Gute und noch viele kreative Jahre wünscht die Übersetzerin aller seiner Bücher ins Deutsche!

Als ich Ende der 90er-Jahre die ersten beiden Kapitel von Markaris’ Erstlingsroman für eine Probeübersetzung für den Diogenes-Verlag zugeschickt bekam, wusste ich auf Anhieb: Das kommt beim deutschsprachigen Publikum an. Wieso war das so? Der Text war witzig und spritzig, hatte Brisanz, Ironie und Biss und hielt ein heilsame Distanz zu eigenen Kultur. Es gelingt Markaris, in Erinnerung bleibende, griffige Figuren zu schaffen und Kommissar Charitos’ beruflichen und familiären Alltag auf nachvollziehbare Weise zu beschreiben. Dazu kommt die Verquickung von Politik und Wirtschaft, die sich in Themen wie Schmier- und Bestechungsgelder, Medienpolitik, Steuerflucht, Schiebereien, Parteienfilz, Schwarzgeld und dessen Legalisierung äußert.

Wie gelingt es Markaris, das Wahrnehmungsproblem, das die zeitgenössische griechische Kulturproduktion im Allgemeinen hat, zu “umgehen” oder zu “knacken”? Natürlich ist es der Roman, der die Verlage (und anscheinend auch die Leser) am meisten interessiert. Erzählungen sind schon wesentlich weniger gefragt, und Lyrik bleibt einer kleinen, unerschrockenen Sekte vorbehalten. Petros Markaris ist fraglos der bekannteste und beliebteste griechische Gegenwartsautor. Das liegt auch daran, dass sein Verlag ihn gut „pflegt“ und ihn geschickt promotet. Zudem spricht er Deutsch und ist für die hiesigen Medien zum begehrten Ansprechpartner und Griechenland-Erklärer geworden. Markaris gelingt es, durch seinen humoristischen Blick und durch seine distanzierte Haltung, die seinem kosmopolitischen biografischen Hintergrund entspringen, Griechenland dem deutschsprachigen Leser nahezubringen. Dabei spricht er wiedererkennbare, globale Themen an, mit denen sich der Leser sowohl im griechischsprachigen als auch im deutschsprachigen Raum identifizieren kann.

Wie man beobachten konnte, wurde – bevor die Flüchtlings- und Terrorproblematik die Medienhoheit übernommen haben – das deutsch-griechische Verhältnis seit 2010, unter besonderer Zuspitzung im Jahr 2013-14, zu einem interessanten Fallbeispiel von missglückter Kommunikation. Nicht zufällig finden Deutschland und die deutsch-griechischen Beziehungen in den letzten Markaris-Romanen immer breiteren Raum. Den Anfang machte der deutsch-türkische Ermittler und seine Frau im Roman „Die Kinderfrau“, später ging es mit dem Deutschgriechen Jerassimos Nassiotis in „Zahltag“ weiter, der die gebrochene Identität der 2. und 3. Migrantengeneration verkörperte. Dann wird Uli, ein junger Deutscher, in den Familienkreis von Kommissar Charitos eingeführt, welcher der Liebe wegen nach Griechenland zieht. Im letzten Roman „Zurück auf Start“, der quasi als Epilog der Krisentrilogie fungiert, wird der deutsch-griechische Zusammenhang in der berührenden Figur des Deutschgriechen Andreas Markidis noch expliziter, der am Versuch tragisch scheitert, seine durch Bildung erworbene deutsche Mentalität zum Wohle Griechenlands einzusetzen.

Die Deutschgriechen in Markaris’ Büchern sind gebrochene Existenzen, gespaltene Persönlichkeiten, die mit ihrer multiplen Identität seelisch nicht ganz fertig werden. Und dadurch werden sie dann auch zur letzten Grenzüberschreitung, zum Töten fähig. Die Frage, wie man diese Zerrissenheit zwischen „deutsch“ und „griechisch“ überwinden könnte, hat Markaris in einem Interview für die von mir gegründete deutsch-griechische Plattform diablog.eu folgendermaßen beantwortet:

„Ich bin von Natur aus ein Mensch, der in einem >Schwebezustand<, in einem >Niemandsland< lebt. Ich bin das Kind einer gemischten Familie: Mein Vater war Armenier, meine Mutter Griechin. Ich bin in Istanbul aufgewachsen, aber auf ein österreichisches Gymnasium gegangen, habe dann in Wien gelebt und lebe jetzt in Griechenland. Eine wilde Mischung, sozusagen. Immer wieder spüre ich dieses >Niemandsland< und sage: Redet mir nicht von Heimat, weil dieser Begriff sagt mir nichts, absolut nichts! Wenn das ein Grieche hört, schüttelt er sich vor Grausen. Aber ich habe mich an den Zustand gewöhnt, nirgendwohin zu gehören. Ein Freund von mir hat mir erzählt: >Nach drei, vier Monaten in Deutschland will ich alles hinschmeißen, weil mir die Deutschen auf die Nerven gehen, und zurück nach Griechenland. Doch sobald ich dort bin, sage ich schon nach einem Monat: Ich halte die Griechen nicht aus, nichts wie weg.< Das ist genau der Zustand der Nicht-Zugehörigkeit. Man braucht allerdings eine gewisse Übung, um so leben zu können. Mein Weg war es, mich der europäischen Kultur im Allgemeinen zugehörig zu fühlen, nicht speziell nur der griechischen oder österreichischen oder türkischen. Das hat mir geholfen, die Sache in den Griff zu bekommen.“

Wenn man selbst die Wahl hat, für welche Kultur man sich entscheidet, ist das etwas anderes, als hineingeboren zu werden. Freunde wählt man sich selbst, die Familie nicht. In Markaris’ letztem Roman „Zurück auf Start“ fungiert ein Isokrates-Zitat als Motto: Grieche sei man nicht durch Geburt, sondern durch Teilhabe an der griechischen Bildung. Also ein antinationalistisches Statement par excellence…

Dazu meint Markaris im oben genannten Interview: „Dieser tolle Spruch von Isokrates ist eine der fortschrittlichsten Positionierungen zu diesem Thema in der ganzen Ideengeschichte. Es ist nicht das Volk, das dich bestimmt, sondern die Bildung. Das erlebe ich bei mir selbst. Die Bildung ist es, die mich geformt hat. Auch in meinem letzten Roman ist die Rolle, die die Bildung spielt, ausschlaggebend für die Aneignung und Assimilierung von Kultur. In Brechts >Kaukasischem Kreidekreis< gibt es ein ganz ähnliches Zitat, wenn der Erzähler sagt: >Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind.< Dieses Gute ist in dem Fall die Bildung, die die Menschen formt. Brechts Spruch ist genauso für Interpretationen offen wie Isokrates’ wunderbares Zitat.“

Nicht Geburt, sondern Teilhabe, das ist also die Botschaft. Teilhabe ist ein demokratischer Prozess, der erkämpft werden will. Geburt ist von vornherein gegeben und auch nicht veränderbar. Petros Markaris hat sich in den Dienst der Sache gestellt, Teilhabe zu ermöglichen, durch Kulturtransfer Texte dauerhaft heimisch zu machen, sie auf fremdem Terrain einzupflanzen und anzusiedeln.

In diesem Sinne betreibt Petros Markaris seine eigene Agenda von Kulturpolitik, sowohl als Autor als auch als Übersetzer. Kulturpolitik ist keine Angelegenheit zwischen Staaten, sondern zwischen Menschen. Sie sollte nicht in Institutionen verbürokratisiert werden, sondern in kreativen Menschen zum Ausdruck kommen, die Brücken schlagen. Diese Art von Kulturpolitik wirkt inspirierend und fördert den Zusammenhalt und das gegenseitige Verständnis.

Text: Michaela Prinzinger, Foto: Michaela Prinzinger

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