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14. Jahrestagung der Literaturübersetzer in Wolfenbüttel

Michaela Prinzinger hatte die Gelegenheit, beim 14. Wolfenbütteler Gespräch, der Jahrestagung der Literaturübersetzer vom 23. bis 25. Juni 2017, beim alljährlichen “Lesefest”, vorgestellt von Olga Radetzkaja, einen Text von Jannis Palavos vorzulesen und über die Philosophie des zweisprachigen Kulturportals diablog.eu, deutsch-griechische Begegnungen, zu erzählen. Die Initiative wurde von den Kolleginnen und Kollegen sehr positiv aufgenommen. Einen kleinen Einblick in die Arbeitsatmosphäre gibt die folgende Zusammenfassung des Workshops “Der gewaltige Polizeiapparat der Sprache” bei Hans-Christian Oeser.

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14. Wolfenbütteler Gespräch: Workshop mit Hans-Christian Oeser

Außerdem: Lesen Sie hier die Broschüre unseres Verbandes über den Beruf des Literaturübersetzers.

Der gewaltige Polizeiapparat der Sprache

Der Übersetzer sieht sich, so die Ausangsposition des Workshopleiters und der Teilnehmer, in zwei Fällen im Korsett der deutschen normativen Grammatik auf ganz besondere Weise gefangen: 1) wenn er beim Originalautor Regelverstöße feststellt und 2) wenn er selbst intuitiv gegen den “gewaltigen Polizeiapparat der Sprache” verstoßen möchte, um die Lesbarkeit und das Verständnis eines fremdsprachigen Textes zu erleichtern.

Im Wolfenbütteler Workshop ging es darum, “Elend und Glanz der Übersetzung” (nach Ortega y Gasset) auszuloten, wenn es darum geht, übersetzerische Entscheidungen beim Satzbau und insbes. der deutschen Satzklammer zu treffen. Es gibt für den Übersetzer Spielraum im sogenannten “Vorfeld” (vor dem ersten Bestandteil des Verbs), dem “Mittelfeld” und dem “Nachfeld” (nach dem zweiten Bestandteil des Verbs), um die “Schwerfälligkeit” der zum Satzende hin gerichteten deutschen Syntax abzumildern. Dabei bleibt zu bedenken, dass jede kleinste Verschiebung im Satzgefüge semantische Konsequenzen hat.

Wie schon Mark Twain humoristisch festgestellt hat, braucht man im Deutschen einen langen Atem, um komplexe Satzbauten bis zum Schluss zu verfolgen, inbes. wenn die bedeutungstragenden Elemente erst ganz am rechten Ende des Satzes auftauchen. Im Deutschen entfaltet sich das Wesentliche erst nach und nach aus den Einzelteilen. Bedeutet dieser Verzögerungseffekt immer einen “Stau”, eine “Verklemmung”? In mündlicher Rede verstoßen wir immer wieder gegen die SOV-Struktur des Deutschen (Subjekt-Objekt-Verb-Abfolge). “Dürfen” wir das auch in schriftlichen Übersetzungen tun?

Diesen Fragen stellten sich die Workshopteilnehmer durch die Bewertung und Analyse von Beispielsätzen, in denen Satzglieder in verschiedenen Variationen aufgereiht waren. Dabei ging es um das Erkennen und Bewerten einer neutralen, normalen und markierten Satzstellung und die Analyse von möglichen, daraus folgenden Bedeutungsverschiebungen. Als Übersetzer ist man gefordert, die verschiedenen Information tragenden Teile “auszutarieren”, in eine Balance zu bringen und “nachklappernde” Teile zu vermeiden. Hier gibt es eine große Bandbreite von Möglichkeiten, Satzteile aus- und einzuklammern und Appositionen einzusetzen, die NACH dem Verb folgen dürfen.

Neben Beispielsätzen aus der übersetzerischen Praxis (Beispiel: Gertler kam übers Wochenende./Übers Wochenende kam Gertler.) wurden auch Originaltexte von Autoren wie Gottfried Keller, Wolfgang Herrndorf und W. G. Sebald angeführt, in denen der “Polizeiapparat der Sprache” unterlaufen wird, indem viel mehr ein- und ausgeklammert wird als sonst üblich bzw. mündliche Syntax zum Einsatz kommt.

Fazit: Wir Übersetzer sind keine “Sklaven” des Originals und auch nicht der deutschen Sprache, sondern können, über den fixen verbalen Rahmen hinaus, die Freiräume der Wortstellung nutzen und uns ihre gestalterischen Möglichkeiten zunutze machen.

Weiterführender Literaturhinweis: Hans-Christian Oeser: Die Satzklammer in der deutschen Syntax. In: Übersetzen 1/17, 1-2.

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